Samstag, 20. August 2011

Völkerwanderung nach Norden

So viele Menschen sind wieder auf der Reise. Schon am Bahnhof ziehen Gesichtergespenster um Gesichtergespenster an mir vorbei, bleiben stehen, stehen im Weg. Im Weg stehen auch Menschen im Gang des Waggons, der zum Großraumabteil führt. Haben Gepäck, Tüten und einen riesigen Körper dabei und pöbeln noch entrüstet, dass am Bahnhof noch so viele Menschen einsteigen ("Man könnt ja auch mal nen Moment warten, oder ist das zu viel verlangt!").
Ich sitze schon eine viertel Stunde, der Zug rollt schon zehn Minuten (wir sind trotzdem gerade erst kurz vor Fürth) aber der Strom der wandernden Menschen nimmt nicht ab. In diese Richtung und in jene Richtung, bis in der Mitte gar nichts mehr geht. Ich komme nicht umhin, amüsiert zu sein. Junge Leute mit Einfamilienrucksackvillen auf dem Rücken, Omas, die sich voller Begeisterung an den Nachwuchs der gestressten Mutter wenden und sich Nintendo erklären lassen ("Das geht aber ganz schön schnell..."), emporkömmliche Wichtigtuer mit Riesenlaptops, geschniegelte Geschäftsmänner und legere Geschäftsmänner - und so einer bist du wohl. Auch du stehst im Gang, fast neben mir, und reckst den Hals, um zur Mitte zu sehen, wo gar nichts mehr geht. Dein Kollege dreht sich zu dir um, sagt etwas, grinst hämisch und wird mit einem müden Lächeln deinerseits belohnt, als er sich schon wieder umgedreht hat. Dein ernstes Profil ist interessant, aber ich kann dich nicht richtig einordnen. Dein Kollege trägt ein faltenfreies, weißes Hemd und hat einen Aktenkoffer. Du trägst ein ungebügeltes schwarzes Hemd über einem schwarzen T-Shirt und eine dunkelblaue Jeans.
Der Bahnhof von Fürth ist hässlich.
Zu dir und deinem Kollegen haben sich weitere Leute gesellt, ein Mann und eine Frau. Sie sitzt mit dem anderen Hemdträger auf dem Doppelsitz vor dir und ist schick gekleidet, sieht aus wie frisch aus dem Büro. Nicht völlig unattraktiv, aber völlig uninteressant. Was sagt dein Blick dazu?
Der Kontrolleur kommt, kontrolliert und geht.
Deine blonden Haare und deine helle Haut lassen dich kühl wirken. Die Kollegen lachen und scherzen über die Rückenlehnen hinweg, aber dein ernster Blick drängt an die Grenze zu "einschüchternd". Ich mache es mir in meiner Ecke bequem und beglückwünsche mich selbst zu diesem Platz, der den Blick durch drei Rückenlehnenritzen und über einen Tisch hinweg auf die andere Seite der Sitzreihen direkt auf dich freigibt.
Dein Blick trifft meinen und bleibt an ihm hängen. Eine Spur zu lange, um lediglich weitschweifig zu sein. Ich erwidere dein Nichtlächeln und mein Kopf wendet schließlich den Blick ab. Nur zehn Sekunden später bade ich wieder in deinem Anblick. Du siehst nordisch aus. Zu allem Überfluss ziehen Regentropfen ihre horizontalen Bahnen an den Fenstern und es riecht nach Regen. In meiner Phantasie riechst du nach Regen.
Ich kann nicht das Buch aus dem Rucksack holen. Der MP3-Player und dein Gesicht sind meine Reisegesellschaft.
Dein Blick streift mich wieder, bleibt wieder eine Weile. Ich strenge mich an, nicht wegzusehen. "She screams my name, yeah, she makes me rise with the look in her eyes", singt die Stimme in den Kopfhörern und ich muss schmunzeln. Das Lächeln wird weggewischt von der Bewegung, die in die Runde deiner Begleiter kommt. Der Rock der Frau ist orange und sieht furchtbar aus, als sie aufsteht und den zweiten Hemdträger raus lässt. Er geht nicht an mir vorbei, sondern zu den Toiletten in die andere Richtung. Du siehst gerade aus dem Fenster, während sie auf dich einredet. Dein Kollege antwortet ihr, du sagst nichts. Ich mag deine Ernsthaftigkeit, dein sparsames Nicken. Zufrieden lasse ich mich ein wenig zusammensinken und schließe die Augen. Dein Bild verschwindet nicht in meinem Halbschlaf und ich spüre das Lächeln auf meinen Lippen.
Eine halbe Stunde später geht mein erster wacher Blick zu dir. Und du bist weg. Eine lächerliche Anwandlung von Panik überkommt mich, ich richte mich etwas auf und sehe verstohlen in den Teil des Abteils, der hinter mir liegt. Wir sind kurz vor einem Bahnhof, in dem wir Halt machen. Ein Blick zurück zu deinem Platz, der noch immer leer ist. Aber zwei deiner Begleiter sind noch da. Wenige, lange Minuten später kommst du mit einem der Hemdträger zurück, du hast Flaschen in der Hand und lässt dich nieder. Diesmal am Gang und ich passe meine Kopfhaltung an. Zum ersten Mal sehe ich, wie du die Mundwinkel langsam hochziehst und ich trauere schon um deine Ernsthaftigkeit, da hast du dein Lächeln voll entfaltet. Das Weiß deiner Zähne ist wie ein Echo deiner hellgrünen oder -blauen Augen, deine Grübchen verschwinden fast in dem kurzen Bart, der mir verrät, dass du die richtige Musik hörst.
Ich frage mich, wie alt du wohl bist und ich kann es schwer einschätzen. Neben deinen Hemdträgerkollegen siehst du jung aus, neben dem orangefarbenen Rock wirkst du beruhigend reif. Du bist im einen Moment 25, im nächsten zehn Jahre älter. Du bist perfekt. Und dein Blick kehrt wieder zu mir zurück. Zu schnell siehst du wieder weg und ich weiß, dass du weißt, dass ich dich beobachte. Ich muss lächeln und frage mich, ob dein Ego das wohlwollend zur Kenntnis nimmt oder dein Es jetzt eine Paranoia entwickelt. Und wo ich schon bei Fragen bin, frage ich mich, warum der Zug so voll ist und ob etwas anders laufen würde, wenn der Platz neben mir nicht besetzt wäre, wenn du allein unterwegs wärst.
Halbzeit. Jena liegt hinter uns. Deine Nähe - oder besser Ferne - beginnt mich zu beunruhigen. Ich spüre, dass ich dich nicht mehr beobachte, um deine gelegentlichen Blicke aufzufangen, sondern ich beobachte dich, weil es nicht anders geht. Wie von selbst wandern meine Augen zu dir. Nicht in deine Richtung zu schauen wird zur Aufgabe, die Konzentration verlangt.
Es wäre so einfach mit dir zu reden. Ein Wort reihte sich ans andere, ein Satz folgte auf den anderen. Ich fände heraus, woher du kommst und ob du nur kurz in Nürnberg warst. Ob du wirklich geschäftlich unterwegs bist. Ob wir zusammen einen überteuerten Kaffee im Bordrestaurant trinken gehen.
Du hast schmale Lippen in deinem Bart. Vielleicht sind sie es, die dich so ernst wirken lassen, wenn du nicht gerade von einem zum anderen Ohr lächelst und dabei aussiehst wie ein kleiner Junge. Dein Profil gibt mir die Sicherheit, dass dein Blick mich nicht trifft, bevor ich woanders hinsehen kann. Dein Profil brennt sich in meiner Phantasie ein, die es im nächtlichen Halbdunkel neben mir in meinem Bett liegen sieht.
Die Zeit rast. Deine Kollegen haben neues Bier besorgt, so bald steigst du also nicht aus. Da du wohl kaum nach Halle oder Bitterfeld willst, wirst du wohl bis Berlin fahren. Ich weiß, dass ich am Ende der fast fünfstündigen Fahrt fast nichts anderes getan haben werde als dich anzusehen. Mit diesem Gedanken denke ich zum ersten Mal an meinen Zielbahnhof. Ich weiß, dass du sehr wahrscheinlich bis zum Hauptbahnhof weiterfahren wirst und überlege, ob ich nicht auch einfach weiterfahren soll, um dich ein paar Minuten länger im Blick zu haben. Um zu sehen, wohin dein Weg dich führt...
Es riecht noch immer nach Regen, es riecht noch immer nach dir. Irgendwas stimmt nicht. Ich fühle mich ungut und ziehe die Kopfhörer aus den Ohren. Vielleicht kann ich über die fünf Meter, die zwischen dir und mir liegen, wenigstens deinen Namen aufschnappen, überlege ich, wenn ich schon sonst nichts von dir weiß. Nach eineinhalb weiteren Stunden werde ich nicht schlauer sein, was dich betrifft. Ich werde aus einem Telefonat des orangefarbenen Rocks wissen, dass eine Alexia gerade Tische und Stühle aufgebaut hat, dass irgendein Catering irgendwas... Dein Name bleibt ein Geheimnis.
Nach eineinhalb Stunden warte ich auf die Durchsage, die mich veranlassen wird, meine Jacke anzuziehen. Und ich wünschte, sie käme nicht. Ich erinnere mich an den Beginn der Zugfahrt, vor fast fünf Stunden, als ich anfing, in deinem Anblick zu baden. Dass es sich nun ein bisschen anfühlt, als bekäme ich keine Luft mehr, als würde ich ertrinken - ich spüre fast, wie meine Lungen sich mit Wasser füllen und stechen - ist schmerzhaft. Nachdem ich meinen Koffer aus der Gepäckablage geholt und neben mich gestellt habe, wende ich meine Augen ein letztes Mal zu dir. Ich ziehe dein Gesicht in mich hinein, präge es mir ein und schließe es ein. Du wirst weiterfahren. Ein letzter Blick auf deine blonden Haare, die seit Stunden mustergültig hinter deinen Ohren klemmen, dann drehe ich mich um und gehe zum Ausgang. Ich weiß, ich könnte dich sehen, wenn ich mich umdrehte.
Der Zug hält, ich steige aus, tauche in das Berliner Meer mir fremder Menschen. Alles vertraut, der Bahnsteig, die Treppen zur S-Bahn. Alles noch da, aber alles auch ein wenig verschwommen. Nichts ist so klar, wie dein Gesicht in meinen Gedanken.

Freitag, 7. August 2009

Nachts-halb-zwei-Lied

Ein herrliches Lied für nachts halb zwei: I lived on the moon, von Kwoon. Anschauen und genießen...

video

Mittwoch, 22. Juli 2009

Idylle (minus X)

Hach, Leute, die neue Wohnung ist toll... Ich fühl mich im Zimmer sauwohl, und heute habe ich die Küche auf Vordermann gebracht. Sprich, den neuen Küchentisch mit Erfolg aufgebaut, meinen Krempel in den Schränken untergebracht, alles aufgeräumt, was sonst noch überflüssiger Weise rumstand, und schließlich saubergemacht. Und während ich also so über die Theke wische, werfe ich nebenbei einen Blick aus dem Fenster und sehe eine alte Frau in der Einfahrt sitzen, in Schürze und mit Kopftuch, die mir völlig gebannt beim Putzen zusieht. Unsicher lächle ich und nicke ihr grüßend zu. Aber in dem runzligen, eingefallenen Gesicht rührt sich nichts, sie starrt einfach weiter... Nun, ja, es ist nicht gar so leicht, sich davon nicht irritieren zu lassen, aber ich hab's versucht. Noch gruseliger wurde es, als ich nicht mehr direkt am Fenster putzte, so dass die Frau doch tatsächlich aufstand, um mir weiterhin zusehen zu können... Ich fühlte mich nicht mehr nur latent an einen Horrorfilm erinnert und war dementsprechend sehr erleichtert, als sie endlich aufgab und unsere Einfahrt verließ... Gruselig, gruselig... Aber bis auf diesen kleinen Teil X, ist es in meiner Bleibe sooo toll... :)

Mittwoch, 15. Juli 2009

Karibik 2B

Lang ersehnt und nun ist sie endlich da: Die Zeit des Umzugs. Ich sitze inmitten von 8 Umzugskartons, Rucksäcken und Taschen, die zum Umzug bereitstehen und die gefüllt sind mit Dingen, die sich in zwei Jahren so in acht Quadratmetern ansammeln - in meinem Fall also vor allem Bücher.

Nun, vor drei Monaten haben wir mit der Wohnungssuche begonnen, konsequenter Weise begann ich selbst die Suche mit der Kündigung meines jetzigen Zimmers. Wochenlang haben wir Internetseiten durchforstet und in Zeitungen gestöbert, auf der Suche nach dem perfekten Wohnungsangebot. Und vor drei Wochen betraten wir dann endlich die perfekte Wohnung: Tolle Lage, super geschnitten, neue Einbauküche und die Badewanne als luxuriöses Highlight. Mit uns betraten noch etwa zwanzig andere Interessenten die Wohnung und wieder einmal hieß es: Ellebogen ausfahren und sich gegen die Konkurrenz durchsetzen. Der alten Schule verdanken wir nun diese tolle Wohnung, so viel sei verraten.

Nachdem letzte Woche der Mietvertrag unterschrieben wurde, ging es gestern ans Streichen. Eine unbedingte Notwendigkeit, da mein zukünftiges Zimmer durch ein zitroniges Extremgelb bestach - und zwar im wahrsten Sinne des Wortes, so dass Blinzeln beim Betrachten der Wandfarbe unablässig war. Mittlerweile erstrahlt das Zimmer in einem ruhigen Hellblau mit dem klingenden Namen "Karibik 2B"...

Morgen wird nach dem Streichen der zweite Höhepunkt des Umzugs stattfinden: Meine neuen Ikea-Möbel werden geliefert. In meiner immensen Vorfreude habe ich bereits virtuell Möbel im Zimmer hin- und hergeschoben, um die beste Zimmergestaltung zu erproben. Zumindest virtuell ist mir das gelungen. Ob sich nun die echten Möbel auch so wundersam und wundervoll in den Schnitt des neuen Zimmers fügen, das wird sich zeigen. Und zwar übermorgen, wenn meine Eltern zum eigentlich Umzug anrücken. Dinge von Zuhause werden hierher verfrachtet, Möbel aufgebaut, Sachen aus dem alten Zimmer zur neuen Wohnung gebracht. Es bleibt nur zu hoffen, dass dieses Pensum an einem einzigen Tag zu bewältigen ist.

So sitze ich also hier zwischen meinen acht gepackten Kartons und vertreibe mir die Zeit und Ungeduld, bis es endlich losgeht. Oder zumindest, bis ich endlich müde werde und die verbleibende Zeit bis zum Zeitpunkt X wegschlafen kann. Gar nicht so einfach, wenn man sich sooo freut, dass man sich am liebsten nur noch im Kreis hüpfend fortbewegen möchte...

Samstag, 11. Juli 2009

Mach es wie die Sonnenuhr, ...

... zähl die heit'ren Stunden nur!

Barack Obama entdeckt die schönen Seiten des G8-Gipfels - und erregt sichtlich das Amusement seiner Kollegen. :)

Freitag, 10. Juli 2009

Wunder des elektronischen Fortschritts am Bahnhofe zu Nürnberg

Gar Ungeheuerliches und Abenteuerliches erlebte ich an diesem Tage auf dem Bahnhofe zu Nürnberg. Nämlich überkam mich schon auf Reisen das Gelüst nach etwas, das die Kehle zu befeuchten vermag, und so begab ich mich auf den Gleisen zu jenen Automaten, die Getränke vielfältigster Art auszuspucken fähig sind.

Nun waren mir eben jener solche bekannt, die hinter einer gläsernen Wand in einer futuristischen Spirale Kleinigkeiten zur genüsslichen Verköstigung verwahren, die nach Einwurf einiger Münzen von den Spiralen herausgedreht werden und zum Verzehr entnommen werden können.

Wie war ich nun überrascht, als ich mit einem Wunder des elektronischen Fortschritts konfrontiert mich einer neuen Art von Automat gegenüber sah. Es versteht sich von selbst, dass auch an diesen nur mit einigen Münzen an kühles Nass zu gelangen ist – neu ist allerdings das kleine Kästchen, welches unter eifrigem Rumoren und betriebsamen Getöse zunächst auf Höhe des ausgesuchten Gegenstandes fährt, sich dann auf horizontaler Linie bewegt, den Gegenstand verschluckt, woraufhin es wie von Wunderhand bewegt an das andere Ende des Automaten schwebt, seinen Inhalt in einen weiteren Kasten übergibt, der zu guter Letzt seine außenseitigen, runden Wände so lang dreht, bis dass man seine Wahl mühelos entnehmen kann.

Meine Damen, meine Herren, Sie finden mich zutiefst erschüttert ob dieser neumodischen Entwicklung, an die zu gewöhnen mein Geist wohl noch einige spontane Begierden nach kühlem Getränk bedürfen wird. Erstaunlich, erstaunlich...

Donnerstag, 11. Juni 2009

5 Sekunden an der Haltestelle Wilhelmstraße

Mit dem Ende eines Liedes nähere ich mich der Bushaltestelle. Die letzten Töne verklingen und um mich herum höre ich mehr und mehr die Menschen murmeln, die auf den nächsten Bus warten. Ein Mann neckt seine Freundin, also sieht sie zu ihm auf und kichert. Im gleichen Moment knattert ein Moped vorbei, übertönt das Stimmengewirr und die schnellen Schritte von Passanten und erinnert mich einen Augenblick lang an Italien. Einige Leute schauen dem Zweirad hinterher, andere drehen ihre Köpfe in die entgegengesetzte Richtung: Der Bus rollt heran, die Bremsen quietschen. Schnaufend schieben sich die Türen auseinander, es entsteht ein Gedränge von Aussteigen, Einsteigen, Umsteigen. Eine Frau huscht an mir vorbei - ein Hauch ihres Parfums bleibt in der Luft hängen - und bevor sie in den Bus springt, streift sie die knisternde Zeitung eines Mannes mit Mantel und Hut. Kaum dass die Türen sich wieder geschlossen haben, fährt der Bus los und drängt sich in den fließenden Verkehr, verursacht ein Hupkonzert der nachfolgenden Autos. Wieder die einzelnen Worte der Leute, wieder das Witzeln und Scherzen, wieder ein Lachen. Und jäh beginnt das nächste Lied, rasch verschlingt es die Welt um mich herum, und ich stelle lächelnd den MP3-Player noch ein bisschen lauter...

Dienstag, 12. Mai 2009

Als Maria Gott erfand - Variante oder Blasphemie?

Ostern. Das war die Zeit, in der man sich – wie jedes Jahr – mit der wundersamen Geschichte der Auferstehung Jesu beschäftigt. Theologen predigen und legen aus, im Fernsehen läuft eine Jesus-Biografie nach der anderen. Und der Tübinger Uni-Professor Jürgen Wertheimer bringt seinen Debütroman auf den Markt: „Als Maria Gott erfand“.

Schon vor Ostern kündigte Wertheimer in seinen Vorlesungen an, dass in der kommenden Zeit sein erstes Buch erscheinen würde und prophezeite, dass dem ein oder anderen seine Geschichte von Jesu Leben nicht schmecken würde. Nun, ein Monat nach Ostern, finden sich viele Reaktionen auf dieses Buch: In Tübingen empören sich reihenweise gläubige Katholiken in den örtlichen Buchläden, geben ihre Kundenkarten zurück und verkünden, den Laden in Zukunft boykottieren zu wollen; die katholische Internetplattform kreuz.net zerreißt das Buch ziemlich inkompetent, mit Wutschaum vor dem Mund und macht dabei den glänzenden Eindruck, man habe nicht mehr als den Klappentext des Buches gelesen, um sich ein Urteil zu bilden. Sogar das muslimische Portal Muslim-Markt sieht sich genötigt, die christliche Mutter Gottes in ihrer Ehre zu verteidigen und fragt nach der unantastbaren Würde von Verstorbenen. Und auch hier beschleicht mich das Gefühl, dass der Verfasser sich nicht die Mühe gemacht hat, Wertheimers Debüt auch mal von innen zu betrachten.

Zugegeben: Der Klappentext lässt in dem Buch eine nicht ganz ernst zu nehmende Verhohnepiepelung der Umstände von Jesu Geburt und Leben vermuten. Sinngemäß: Weil ihr frisch angetrauter Yussef stockschwul ist, beginnt Maria eine Affäre mit dem Wanderprediger Jochanaan und die resultierende Schwangerschaft verbindet sie mit ihrer Leidenschaft fürs unglaubliche Geschichten Erzählen. Es entsteht „eine Geschichte, an die noch heute Millionen von Menschen glauben.“

So weit, so gut. Aber worum geht es nun wirklich in dem ach so blasphemischen Werk von dem am besten möglichst plötzlich zu exkommunizierenden Jürgen Wertheimer? In der Tat, Maria ist blutjung, als sie mit Yussef verheiratet wird. Dieser gesteht ihr gleich in der Hochzeitsnacht, dass er sich nicht in der Lage sieht, die Ehe mit ihr zu vollziehen. Maria langweilt sich in dieser fruchtlosen Ehe, sie langweilt sich in ihrem neuen Heim, fühlt sich nicht da-heim. Und genau in diese Langeweile tritt Jochanaan und ist die Verheißung auf ein Leben und ein Er-leben. Der Zeugungsakt wird von der Sechzehnjährigen hochstilisiert zur Götterschaffung – doch schon zu diesem Zeitpunkt beginnt die Geschichte, sich ihrer Kontrolle zu erziehen. Yussefs Theaterfreunde bekommen Wind von dieser fixen Idee und sehen sich berufen, aus Marias Geschichte die ihres Sohnes Joshua zu machen: Joshuas Leben wird von vorne bis hinten inszeniert, Yussef und vor allem Maria sind willige Statisten und Mitintendanten und so wird aus dem kleinen Jungen der verzogene Sohn Gottes, der schon als Kind hin- und hergerissen ist zwischen Zerstörung und Wiedererschaffung, zwischen Mitleid und Abscheu, zwischen Einsamkeit und seinem Dasein als Massenanziehungspunkt. Und plötzlich ist es nicht mehr Maria, die eine Geschichte um Joshua erfindet, sondern es sind all die Menschen und Anhänger, die Joshua folgen. Auch wenn sie alle eigentlich auf der Suche nach völlig unterschiedlichen Dingen sind, in Joshua scheinen sie alle ihre Antwort zu finden, ohne dass er selbst diese Antwort sein will. Aber Joshuas Leben ist von vorne bis hinten eine Theateraufführung, aus der er nicht ausbrechen kann, denn ein wirkliches, ein eigenes Leben hatte er nie und kennt er auch nicht.

„Als Maria Gott erfand“ ist keine Geschichte über die fixe Idee von Maria nach ihrem Ehebruch. An diesem Punkt beginnt sie erst und erzählt, wie einige Leute von Ehrgeiz und Machthunger getrieben die Figur Joshua für sich selbst zu nutzen und andere damit zu manipulieren verstehen. Und es ist eine Geschichte, die von vielen Menschen weitergesponnen und miterfunden wurde, einfach weil sie daran glaubten und weil sie es vor allem brauchten, an etwas zu glauben.

Natürlich verstehe ich, wenn Menschen heute das Buch lesen und sich in ihren religiösen Gefühlen auf den Schlips getreten fühlen. Glaube bedeutet ja, dass man etwas Wunderbares, Unerklärliches glaubt, ohne die Hintergründe kennen zu müssen. Glauben ist nichts Rationales und braucht deshalb auch keinen trivialisierenden Aufklärungsversuch.

Wenn Menschen allerdings den Titel sehen, bestenfalls noch den Klappentext lesen und sich dann zu moralapostolischen Kritikern aufschwingen, so entzieht sich das meinem Verständnis und entlockt mir allerhöchstens ein verächtliches Auflachen ob deren Oberflächlichkeit. Denn ein Klappentext – gerade ein so unpassender und reißerischer, wie er leider Wertheimers Buch eigen ist – sagt in den wenigsten Fällen etwas über die Qualität des Buches an sich aus. (An dieser Stelle sei der Verlag gegrüßt, der im Hinblick auf den Klappentext meiner Meinung nach herzlich schlechte Arbeit geleistet hat.)

Nach der Wahrheit hinter den Wahrheiten, die die Kirche tagtäglich predigt, wolle Wertheimer fragen, erklärt er selbst in seinem Nachwort. Denn nichts Genaues weiß man nicht, letztlich ist ja alles, was wir über Jesu Leben wissen, ein Wissen aus auslegenden Texten über andere ausgelegte Texte. Wertheimers eigenes Fazit über sein Debüt: „Nichts an diesem Buch stimmt, aber alles könnte wahr sein.“

Letztlich ist „Als Maria Gott erfand“ mit Sicherheit ein provokantes Werk, und jeder, der Jürgen Wertheimer mal erlebt hat, weiß, dass sein Buch auch als Provokation gemeint ist. Aber dennoch wäre es einfach ungenügend, in dem Werk lediglich eine Verunglimpfung der Heiligen Maria zu sehen. Jürgen Wertheimer hat eine Erzählung geschrieben, die eine mögliche rationale Erklärung zu mehr oder weniger historischen Ereignissen versucht und dabei manchmal leise komisch, teils sensibel, teils vehement, aber vor allem sehr emphatisch vorgeht – was man wüsste, hätte man es mal gelesen.


Sonntag, 12. April 2009

Traum-Szenerie

Ich befinde mich am Meer. Das kleine, aber feine Hotel thront am Hang der Steilküste über der Brandung, der Wind weht durch das wilde Gras und die Sonne gleißt hinter eilig ziehenden Wolken. Die Möwen kreisen und kreischen am Himmel, die Luft duftet nach Salz und Wind, dazwischen ein bisschen Tang und ein wenig Fisch. Ich fühle mich wohl und vergesse, dass für mich ein Alltag existiert.

Und dann taucht er auf. Im Schlepptau hat er - wie ich auch - die Familie: seine Frau und die zwei gesichtslos scheinenden Kinder. Ich sitze im Speisesaal, mit dem Rücken zum Fenster mit der atemberaubenden Aussicht, in meinem Gesichtsfeld die Tür. Mir bleibt keine Bewegung verborgen, auch das eben eintretende Familienidyll schiebt sich vor meine Augen. Sein Blick fällt kurz auf mich und für einen Moment verdüstert sich der Ausdruck seines Gesichts in dunklen Ahnungen. Ich murmle eine Entschuldigung, erhebe mich von meinem Platz und lege die Serviette mit angestrengten Fingern neben den Teller, bevor ich den Raum verlasse.

Von da an bin ich mir schmerzlich bewusst, dass außer meiner Familie und mir noch andere Gäste im Haus sind. Ich weiß nicht, wessen Anwesenheit am schwersten zu ertragen ist. Ihre? Die ihrer aufgeweckten Kinder? Oder seine?

Das Wetter wird schlechter, der Wind hat sich zu unangenehmen Böen ausgeweitet, die einem den Regen ins Gesicht wischen. Gute Miene zum bösen Spiel, freundliche Worte, verkrampftes Beisammensein. So oft es geht, weiche ich aus und versuche zu verschwinden, aber die Insel scheint mit jeder Stunde kleiner zu werden. Ich kann kaum ertragen, in seiner Nähe zu sein, doch ich kann auch nicht ertragen, ihn mit ihr allein zu wissen. Es entstehen Gelegenheitsfreundschaften zwischen den Familien - ich wende mich nach außen vor. Die Momente des Grauens wiederholen sich immer wieder, der Regen und die Farce scheinen kein Ende zu nehmen...

Auch als ich endlich aus dem unruhigen Schlaf aufwache und aus dem Traum schrecke, bleibt das Gefühl, zwischen Flucht und Suche hin und hergerissen zu sein.

Und ich frage mich, wann ich endlich aufhören werde zu träumen.

Mittwoch, 1. April 2009

Frühlingszeit

Hach, es tut ja sooo gut, wieder Sonnenstrahlen auf der Haut zu spüren. So warm und hell. Und dann ist die Sonne sogar noch da, wenn man gar nicht mehr damit rechnet, weil sie doch vor ein paar Tagen um diese Zeit schon längst hinter dem Horizont verschwunden war. Und als ob die eine Stunde nicht allein gekommen wäre, tut der Frühling uns wohl endlich den Gefallen, Einzug zu halten. Nein, wie ist das herrlich! Da blühen doch nicht nur die Frühlingsblumen auf.


Sommerzeit

Abendrot eines ersten Tages,
es verspricht gutes Wetter
und eine neue Ära.

Nach einem kalten Winter,
so lang und leer,
nimmt es die letzten Tage mit,
weit hinter den Horizont.

Was wird die neue Ära bringen –
was wird sie vergehen lassen?
Rosa-rot. Und Lila leuchtet,
die Farben kriechen in die Sterne.

Erst das Dunkel der Nacht
wird das Licht der neuen Ära,
das Licht wird mich neu gebären.

(Dieses Gedicht habe ich am ersten Tag der Sommerzeit bei Sonnenuntergang verfasst.)

Freitag, 6. März 2009

Feuchtgebiete goes Champs-Elysées

Gestern lief auf Arte eine Reportage über ein deutsches Buch, um das es viel Wirbel und jede Menge Debatten gegeben hat. Eben dieses Buch soll nun auch in Frankreich veröffentlicht werden. Der Verlag rechnet mit kommerziellem Erfolg - und ebenfalls mit endlosen Debatten. "Zone humide" sollen Charlotte Roches "Feuchtgebiete" in Frankreich heißen.

Ich selbst habe das Buch zugegebenermaßen nie gelesen, was allerdings nicht heißen soll, dass ich mich nicht wenigstens ansatzweise damit beschäftigt hätte. Ich habe es in einem Buchladen in die Hand genommen, wahllos eine Seite aufgeschlagen und ein paar Zeilen gelesen. Und entsetzt wieder zugeschlagen, um es schleunigst ins Regal zurückzustellen. Ich sah die unzähligen Urteile bestätigt, die mir bis dahin zu Ohren gekommen waren: Eklig.

Charlotte Roche erklärte gestern in der Reportage, wie sie mit eben diesem Urteil zu ihrem Buch umgeht. Wenn Menschen ihr sagen, sie fänden das Buch eklig, fragt sie nach, welche Stelle denn zum Beispiel. Und jede Stelle, die ihr genannt würde, fände sie lustig. Genau da sei der Knackpunkt: Passagen, die andere Menschen eklig finden, fände sie eben lustig; das sei ihre Art von Humor.

Auch wenn es mir rätselhaft erscheint, wie man das tagelange Aufbewahren von Sperma unter den Fingernägeln und das darauffolgende Abknabbern derselben lustig finden kann. Oder auch die Vorstellung, mit der "Muschi" komplett über Klobrillen zu wischen, bevor man sein Geschäft macht (besonders gern an Raststätten). Trotzdem sehe ich ein, was Charlotte Roche erreichen wollte: Tabus brechen, um aufzuzeigen, wo diese in der Gesellschaft liegen. Der französische Schriftsteller Frédéric Beigbeder, der weit über die Grenzen seiner Heimat durch seine konsumkritischen Werke bekannt wurde, brachte es ganz gut auf den Punkt: In einer Gesellschaft, die dermaßen viel Wert auf Äußerlichkeiten und eine glatte, schöne Oberfläche legt, deren Werbung überhaupt nur sehr festgefahrene Idealbilder zeigt, ist es wichtig, genau darauf hinzuweisen. Am wirksamsten sei dies, indem man die Tabus breche, die durch diese idealisierten Werbebilder entworfen werden. Dieser Tabubruch sei der gemeinsame Punkt bei Charlotte und ihm, denn er versuche genau das gleiche.

Die Reportage zeigte auch Interviews mit deutschen und französischen Lesern der Zielgruppe, mit der Regisseurin und den Schauspielern, die das Buch in Halle auf die Theaterbühnen brachten, sowie auch mit Literaturkritikern und Soziologen. Vor allen diesen Menschen ziehe ich den Hut dafür, dass sie sich durch dieses Buch gebissen haben. Für keinen war die Lektüre einfach, die meisten fühlten sich immer wieder abgestoßen und durch pikante Szenen im Lesefluss gestört, was immer wieder verhinderte, dass sie das Buch genießen konnten.

Ausgerechnet die Kritikerin der FAZ scheint die "Feuchtgebiete" für ein grandioses Œvre zu halten, dessen Gestaltung vor dem sterilen Hintergrund einer Krankenhauskulisse genial sei; der Verleger, der die Veröffentlichung in Deutschland verbrochen hat, rechnete mit einem Underground-Buch, das vielleicht kommerziellen Erfolg versprach (allerdings überraschte es den etwa Mitte Vierzigjährigen vollkommen, dass seine eigene Mutter in ihrem Freundeskreis nach der Veröffentlichung über dieses Buch diskutierte); andere deutsche Lektoren fanden nach Abzug der Ekelszenen erstaunlich wenig an dem Buch, französische Verleger sehen in dem Buch nach Abzug der Ekelszenen eine hochaktuelle Familiengeschichte. Ja, neben den Worten "Muschi" und verschiedenen verbalen Ausführungen von Körpersekreten taucht auch das Wort "Scheidung" auf. Eine Familiengeschichte also, mit einer Hauptperson, die beängstigenderweise als beispielhafte deutsche Jugendliche gesehen zu werden droht.

Ich bin gespannt, welche Diskussionen dieses Buch in Frankreich lostreten wird. Welches Bild man in Frankreich von der typischen Deutschen im Teeniealter bekommen wird, wo man von den Nachbarn doch sonst nur Bücher und Filme gewohnt ist, die sich mit der historischen Vergangenheit auseinandersetzen (àla Der Vorleser, Goodbye Lenin oder Das Leben der Anderen). Und ich wünschte, Charlotte Roche hätte diese durchaus wichtigen Hinweise auf Tabuthemen und manchmal schräge Idealbilder ein bisschen weniger abstoßend und niveaulos gestaltet.

Freitag, 13. Februar 2009

Grau, teurer Freund, ist alle Theorie...

Einer meiner Dozenten über Goethes Faust:
Worum geht es in Faust? Das Zentrum der Tragödie ist Gretchens Bett. Es geht um das Rumschleichen zweier Akademiker im Zimmer einer Fünfzehnjährigen, die nicht mal da ist. Diese miefige Liebelei steht im Gegensatz zu Fausts absolutem Größenwahn. Und dieser Größenwahn steht im Gegensatz zu dieser unglaublichen Banalität. Goethes eventuelle Absicht, den Mythos des Fauststoffs lächerlich zu machen und satirisch aufzuarbeiten, ist gelungen.

[...]

Goethe ist ein Kollektivwesen, weil alles, was er macht, als kollektives Ereignis inszeniert wird: Selbstinszenierung, die Inszenierung Weimars. Der gescheiterte Maler Goethe, der Professor Schiller und das Kuhdorf Weimar machen die Weimarer Klassik aus: edle Einfalt, stille Größe.
Ich liiieeebe die Uni... *g*

Mittwoch, 28. Januar 2009

Alea iacta est - die Zweite

Ja, in meinem Leben funktioniert das: Wenn einem der erste Wurf der Würfel irgendwann nicht mehr zusagt, dann würfelt man ein halbes Jahr später eben noch mal. Wobei man sich den Wurf nicht einfach macht und über Wochen hinweg mit seinen möglichen Schicksalen hadert.

Die fröhlichen Würfelspielchen beziehen sich auf mein Studium der Germanistik und die darin nötige Spezialisierung. Gezweifelt habe ich schon vor dem letzten Semester, als ich mich für einen späteren Schwerpunkt entscheiden musste. Allerdings fühlte ich mich damals schon nicht ausreichend auf diese Entscheidung vorbereitet und der Einfachkeit halber zu dem Weg mit den vermutlich geringeren Hindernissen hingerissen. Also traf ich meine Wahl und entschied mich für "Neuere Deutsche Literatur".

Seit ein paar Wochen nun habe ich gegrübelt, fühlte mich besser vorbereitet auf die Entscheidung, die ich vor einem halben Jahr getroffen hatte, und fand heraus, dass meine "zweifelhafte" Alternative zur Neueren Deutschen Literatur - nämlich die Linguistik - mir ungemeinen Spaß macht, der bis zur Euphorie beim Zeichnen von linguistischen Bäumchen reicht. Allerdings ist Linguistik kein Spaziergang, überlegt man sich, wie analytisch und strukturiert sie funktioniert. Außerdem hatte ich vor meinem Studium gemutmaßt, dass mir dieses Fach aufgrund seiner vermeintlichen Ähnlichkeit zu Mathe am wenigsten gefallen würde. Aber sie macht Spaß.

Nach dem heutigen Gespräch mit meinem Linguistik-Dozenten fühlte ich mich dann vollends vorbereitet auf diese Entscheidung, die ich nun seit Monaten mit mir herum trage. Und die Entscheidung selbst fühlte sich plötzlich erfreulich getroffen an:

Ich werde Linguist. :)

Es bleibt zu hoffen, dass ich die Entscheidung dieses Mal nicht bereuen werde. Und dass mein Dozent, dessen geheimer Spitzname mir wie gewöhnlich fast über die Lippen hüpfen will, im nächsten Semester ein Seminar anbietet, das für mich belegbar ist. Und dass meine Tutorin recht behält und einem auch als Spaß habender Linguist treue Freunde erhalten bleiben - so abartig man als solcher auch werden möge... *g*

Freitag, 23. Januar 2009

Wartesaal für Empfindungen*

Nun, wenn man sich ohnehin schon so ein wenig merkwürdig fühlt, dann sollte man es wohl tunlichst vermeiden die Merkwürdigkeit noch zu verstärken. Eigentlich weiß ich das ja auch. Aber wer, wenn nicht ich, wäre sonst der Meister im allumfassenden Ausleuchten einer Stimmung?

Es ist nicht weiter verwunderlich, dass ich mich nach zwei besonders stressigen Wochen ein bisschen geschafft fühle, zumal die Prüfungen schon wieder im Hinterhalt lauern. Ungünstig nur, dass mein Gedankenkarussell sich gerade zur selben Zeit dreht und mir gewisse Entscheidungsschwierigkeiten bereitet bei einer Entscheidung, die ich eigentlich schon mal getroffen hatte. Und da sind sie nun, die Feuerwehrautos, Pferde und Kutschen auf dem Karussell: Was wähle ich? Was bringt mir das? Macht es mir wirklich dauerhaft Spaß? Schaffe ich das? Oder rührt die Verwirrung doch woanders her?

Die Verwirrung gebiert zudem auch noch ein kleines neues Karussell, die mir einen langsam unschön werdenden Drehwurm verursacht...

Und in eben diesem Zustand, in dem sich meine Seele ein wenig verheult und be- und entfremdet fühlt, fällt es mir nun noch ein, Babel zu schauen - ein grandioser, aber mitnehmender Film. Den man vielleicht mit guter Laune schauen sollte, um hinterher nur ein bisschen melancholisch zu sein, und nicht wie ich mit melancholischer Laune, um hinterher seelisch noch verheulter zu sein...

* Zitat von Ernst Mach, Philosoph, 1838-1916

Samstag, 17. Januar 2009

Mit Kindern im Supermarkt

Wer denkt bei der Phrase "mit Kindern im Supermarkt" schon an angenehme Erlebnisse? Wünsche in der Schlange an der Kasse, Ablehnung der Mutter, Gejammer und Geheule, Nachgeben der inkonsequenten Mutter... Das kennen wir doch alle. Ich hatte heute ein "mit Kindern im Supermarkt"-Erlebnis. Allerdings hat es mich sehr erheitert.

Es war einmal ein Vater, der mit seinem Sohn und seiner Tochter - etwa 6 und 4 Jahre alt - einkaufen ging. Beide Kinder fielen nicht weiter auf, bis die Familie sich der Kasse näherte, und die Kinder gleichzeitig in etwa Folgendes verkündeten: "Papa, Papa, schau mal! Das da ist Kinderwein!" Mit großen Augen sahen sie ihren Vater an und als keine richtige Reaktion erfolgte, versuchte der Ältere von beiden diesen tollen Umstand zu erklären: "Mama hat gesagt, den dürfen wir trinken."
"Warum hat sie ihn denn nicht gekauft, wenn ihr ihn trinken dürft?", gab er zurück (eine Diskussion mit Kindern eingehen ist immer fragwürdig, wenn man eigentlich eine souveräne Position vertreten will... Aber das lernt er auch noch...).
"Sie hat gesagt, 'ein andermal'", entgegnete das kleine Mädchen und grinste ihren Vater herausfordernd an. "Und jetzt ist ja ein andermal! Das heißt, jetzt dürfen wir!"

Leider habe ich nicht mehr mitbekommen, ob der Vater sich von der Schlagfertigkeit seiner jungen Tochter herumkriegen ließ. Aber ich wette, dass er sich ein fettes Grinsen verkneifen musste, genau wie ich. Und ich beglückwünsche ihn und seine Frau für die Erziehung ihrer Kinder zu diskussionsfähigen, schlagfertigen und charmanten Kindern. Im Vergleich zu so manchen von deren Altersgenossen haben mich diese beiden sehr erfreut.

Samstag, 10. Januar 2009

Zweidimensional

Zunächst einmal schicke ich voraus, dass mich das Thema des letzten Blogs immer noch beschäftigt. Die Aussicht auf Schlafen und vielleicht Träumen erscheint mir zur Zeit recht wenig angenehm, zumal die Wut der Welt - auf mich - sich in anderem Traumkontext wiederholt hat. Ich sollte dringend an meiner weißen Weste im Reich des Sandmanns arbeiten...

Schon länger ein Anliegen ist mir aber der eigentliche Grund des Blogseintrags, der heute Nacht nun endlich zu Papier fand...

Ein Bild von dir

Meine Finger strichen über glänzendes Papier,
ein Stück Karton, ganz flach, ein Bild von dir...
... berührten kurz die Schläfen, aber nur ganz sacht,
– umgekehrt hätt’ dies ein leises Zittern entfacht –
hinab zur Lippe, und zum andern Winkel... Kinn...
lächelnd fand ich ein kleines Grübchen darin;
am Hals spielten miteinander Schatten und Licht,
umspielten die Schlüssel, beieinander ganz dicht...

Als das Bild zugunsten meines Traums verblich,
saßt du vor mir und beobachtetest mich.
Jedes Tagtraumerwachen wird bald zur Qual,
denn alle meine Bilder sind nur... zweidimensional.

Dienstag, 6. Januar 2009

La vida es sueño

La vida es sueño - Das Leben ein Traum.

So lautet der Titel eines spanischen Klassikers von Calderón de la Barca aus dem 17. Jahrhundert. Schon damals haben sich die Menschen mit dem Gegensatz von Realität und Traum auseinandergesetzt und festgestellt, dass die Grenze oftmals eine nur allzu verschwommene ist.

Letzte Nacht durfte ich selbst das auch mal wieder erleben. Ich hatte einen Traum, aus dem es sich partout nicht erwachen ließ. Obwohl mir nicht bewusst war, dass ich träumte, hatte ich doch den Wunsch, das möge doch bitte alles ein Ende haben. Grandioserweise hatte ich mich auch noch selbst in die Bredouille gebracht, sodass mich meine unbezähmbare Neugierde schließlich auf die Anklagebank führte und auf meinem Handy wie ein Hoffnungsschimmer am Horizont von gestern ein Lied landete, das "Es gibt ja doch keine Treue" hieß...

Schon im Traum konnte ich nicht fassen, was mich meine Neugierde tun ließ, sah mich zurecht vertrieben und ausgeschimpft, zurecht auf einem wuchtigen Ledersofa bei meinem verteidigenden Anwalt sitzen. Erst als ich feststellte, dass sein Büro sich über einer Schwimmhalle befand, in dem Menschen mit Fischen Wassertennis spielten, wurde mir allmählich die Abstrusität der Geschichte bewusst und ich ahnte, dass es sich nur um einen Traum handeln konnte. In der Tat dauerte es allerdings doch ein paar Augenblicke, bis mir nach dem Aufwachen meine Rückkehr in die Realität zu Bewusstsein kam und ich erleichtert aufatmete.

Die Verschmelzung von Traum und Realität ereilte mich heute jedoch des Öfteren spontan. Plötzlich war es wieder da, das Gefühl von Schuld, die Angst jemanden durch die eigene Schuld verloren zu haben, der Gedanke an die eigene Wut und die Wut fast der ganzen Welt. Auf einmal wurde das alles in der Magengegend wieder spürbar real. Und so ganz sicher bin ich mir noch immer nicht, ob ich nicht wirklich diese Tür aufgemacht und vier Schritte hineingegangen bin. Und ob ich es nicht vielleicht sogar in einer der Realitäten wieder tun würde...

Sonntag, 4. Januar 2009

Eine kleine Neujahrsansprache

Jedes Jahr geht es mir kurz vor Silvester so: Von heute auf morgen überfällt mich Melancholie. Vielleicht deshalb, weil es in meinem Wesen liegt, viel nachzudenken, abzuwägen, zu interpretieren. Und wann, wenn nicht zu Silvester, wäre die Zeit reifer und geeigneter, sich bewusst zu machen, was man alles nicht geschafft hat. Manchmal scheint es mir aber, als sei ich damit nicht allein.

Es liegt in diesem Vergänglichkeitsgedanken,
der wohl jeden in der letzten Jahresstunde erfasst,
etwas Ungeheueres,
wovor unsere Seele erschrickt.
(Theodor Storm)


Dieses Jahr habe ich jene Melancholie bereits erwartet - und wurde enttäuscht. Natürlich gab es auch dieses Jahr Dinge, die ich nicht geschafft habe und die nicht so gelaufen sind, wie ich es mir gewünscht hätte (es finden sich tatsächlich auch jetzt noch Punkte vom letzten Silvester - das sollte mir zu denken geben). Auf der anderen Seite gab es aber viele Ereignisse und Zustände, die mich glücklich und zufrieden mit meinem Leben machen. Die Jahreswechselmelancholie fand wohl keine ausreichend große Angriffsfläche...

Eigentlich sind das die besten Voraussetzungen für gute Vorsätze: Frisch und guten Mutes sollten die sich doch leicht umsetzen lassen. Und natürlich habe ich wirklich meine persönlichen Maximen wie "Hör nicht auf, an dir zu arbeiten!" oder "Lass es endlich!". Aber die habe ich immer, also ist das kein Grund, meine Maximen durch eine überschwengliche Umbenennung zum Neujahrsvorsatz von vornherein zum Scheitern zu verurteilen.

Ein kleiner Vorsatz bleibt mir allerdings doch: Belebe deinen Blog wieder. ;)

In diesem Sinne wünsche ich allen ein schönes neues Jahr mit Glück und (Selbst-)Zufriedenheit, damit auch der nächste Jahreswechsel frei von jedweder Melancholie von statten gehen möge.

Montag, 3. September 2007

Spätsommer in Trastevere

Durch irgendeine grundlose Assoziation fiel mir gestern ein, wie ich vor etwa einem Jahr auf Klassenfahrt in Rom war. Ein ruhiger Ausflug, aber zweifelsohne ein Höhepunkt war für mich das malerische Viertel Trastevere im Südwesten der ewigen Stadt. Malerische alte Häuser, blumige Balkons, wolhtuende Schatten zwischen den hohen Häuserwänden. Ich erinnere mich, dass wir so durch die Straßen spazierten, auf der Suche nach einem erschwinglichen Eis, und uns auf einmal ein Pfarrer entgegen kam, den wir Mädels nur anstarren konnten. Jung, dunkle Haare, große braune Augen, bedachte Bewegungen, atemberaubend lächelnd, wenn er im Vorübergehen angesprochen wurde... Und alle waren wir uns einig: Um den ist es doch wirklich schade; so vergeudet vom Heiratsmarkt verschwunden - die Wege des Herrn sind unergründlich. Selbst die italienischen Frauen des Viertels hatten sich offenbar noch nicht an seinen Anblick gewöhnt, denn auch sie sahen ihm verstohlen hinterher. Dieser Mann muss seinen Beruf verfehlt haben, darin kamen wir alle schnell überein. Mit einem großen Seufzer wandten wir unsere Blicke ab und spazierten weiter durch den Spätsommer in Trastevere.

Mittwoch, 29. August 2007

Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns

Jetzt, wo ich wieder mal Zeit habe, um zu lesen, koste ich das auch in vollen Zügen aus. Ich habe einen nahezu irren Verschleiß an Büchern und am liebsten sind mir gerade leicht zu lesende Bücher, die nicht gleich nach zweihundert Seiten wieder zu Ende sind: Ich widme mich 1500-Seiten-Werken. :)

Und dabei kam es mir in den Sinn: Warum lesen Menschen? Vielleicht wollen sie sich ein wenig bilden. Vielleicht brauchen sie aber auch einfach nur ein paar Seiten vor dem Zubettgehen, um dann gut einschlafen zu können. Vielleicht lesen Menschen aber auch, um zu vergessen; um ihre eigenen Problemchen zu vergessen, verzwickte Situationen, den Alltag oder Langeweile. Und welch herrliche Abwechslung bietet da ein gutes Buch! Mitleiden, miterleben, mitträumen - dafür sind Bücher da. Mir selbst geht es da nicht anders.

Und doch hat jedes Buch einmal ein Ende. Ich werde oft melancholisch, wenn ich auf der berühmten letzten Seite ankomme. Es heißt dann Abschied nehmen von Figuren und Welten, die einem lieb geworden sind. Auch oder vielleicht gerade bei Büchern mit einem Umfang von 1500 Seiten, die man allzu schnell verschlungen hat. Ich stellte mir in letzter Zeit des Öfteren die Frage, warum Bücher einfach aufhören müssen, warum sie nicht einfach ewig weitergehen können, damit man sich nicht trennen muss. Oder warum man zumindest nicht nach dem Lesen des Buches sofort vergisst, worum es eigentlich ging, denn dann könnte man umgehend von vorn beginnen und sich noch mal an den Geschehnissen erfreuen, sich noch einmal mitreißen lassen, ohne dass man schon weiß, was passieren wird.

Leider geht weder das eine noch das andere. Und so kommt es wohl vor, dass man - wie ich vor kurzem - Bücher ausgräbt, die man vor zehn Jahren gelesen hat. Vieles hat man vergessen, aber zumindest nicht, dass es schön war. Und das ist ja auch schon ein Trost und stellt letztlich ein neues, altes Lesevergnügen dar.

Bücher sind wie eigene kleine Welten und ich selbst bin überzeugt davon, dass Bücher enorm wichtig sind. Denn in ihnen ist das Wissen der Welt niedergeschrieben, ebenso wie Träume und Schicksale einzelner Personen. Nichts kann meiner Meinung nach dieses Gut ersetzen, nichts gleicht dem Gefühl des Seiteumblätterns, nichts ist gemütlicher als ein Abend mit einem guten Buch, das zum Mitleiden, Mitträumen und Miterleben einlädt. Die Suche nach Ablenkung oder Neuem führt zum Finden eines Teils von sich selbst. Was könnte schöner sein?

"Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns", schrieb Franz Kafka einmal in einem Brief. Und wer könnte es besser wissen als einer der genialsten Autoren von gestern? Glück dem, dem ein Buch tatsächlich eine Axt für das gefrorene Meer in ihm selbst sein kann, weil er das Gut in einem Buch als solchem erkennt. Ich selbst will Bücher nicht missen, würde mir nur wünschen, dass ich auch im Alltag mehr Zeit und Aufraffungsvermögen zum Lesen finde. Ein Glück, dass im Moment noch mehr als tausend wundervolle Seiten vor mir liegen, bevor ich zur berühmten letzten komme und wieder mal Abschied nehmen muss...


Mittwoch, 6. Juni 2007

G(ute N)8

Bush ist schon da, der Zaun auch und der Rest wird morgen anreisen - zum G8-Gipfel. Da entscheiden also eine Hand voll Menschen über die Belange der restlichen Welt. Und natürlich ist es gerade diese Hand voll, die den objektivsten Blick hat. Demonstranten würden diesen Blick selbstverständlich behindern, sie müssen also ferngehalten werden - mit einem 12 Kilometer langen Zaun, der mit läppischen 6,5 Millionen Euro ja auch wirklich ein Schnäppchen ist. Und natürlich brauchen die Gipfelstürmer insgesamt 100 Millionen Euro, um ihre Entscheidungen auch kompetent treffen zu können. G8-Gipfel - 8 Nullen an Kosten. Natürlich. Und das Geld für Afrika, das kriegen wir auch noch irgendwoher. Notfalls knappsen wir von der Ozonschicht ein bisschen ab, das Loch ist ja nun eh schon mal da, was soll's. Das können wir dann immer noch stopfen, mit dem Müll und den Abgasen, die wir produzieren. Läuft schon. Und alle 3 Sekunden (*schnipp*) wird es bestimmt einer Nuss an den Kragen gehen, die sicherlich in Form von kleinen Leckereien auf den Tischen stehen. Damit ist deren Lebenserwartung relativ gesehen fast so hoch wie die der Menschen auf dem afrikanischen Kontinent - allerdings nicht mehr lange, denn Afrika ist der einzige Kontinent, auf dem die durchschnittliche Lebenserwartung sinkt. Aber vielleicht bleiben ja nach dem G8-Gipfel noch ein paar Millionen übrig, damit man die relative Lebenserwartung einer Nuss erforschen kann, so dass ich hier nichts falsches schreibe... Vielleicht setzen wir diesen Punkt gleich mal auf die Tagesordnung, da dürfte eine internationale Einigung möglich sein. Auf dass man wenigstens einen Punkt konsequent erörtere und er nicht nur als leere Versprechung in Heiligendamm verpuffe. Ich wünsche jedenfalls guten Appetit und frohes Diskutieren, liebe Staatschefs.

Montag, 16. April 2007

Dämliches Leben

Nun, mein letzter Tag der Osterferien ist vor einer Stunde abrupt beendet worden, in nicht mal mehr einem Monat werde ich Abi schreiben und habe noch sooo einen Berg Wissen vor mir, das es einzusaugen gilt; ein bisschen mulmig vor dem ersten Schultag ist mir auch schon wieder und bestimmt werde ich nachher wieder mal - wie es in den letzten Monaten so meine Gewohnheit ist - wach im Bett liegen und von Grübeleien über Tagträume in einen unruhigen Schlaf gleiten.

Und dennoch liegt es mir am Herzen, folgendes einmal laut in die Weiten des WWW hinauszuschreiben: DANKE! Denn dank des Internets habe ich heute gemerkt, dass es durchaus Menschen gibt, deren Leben noch dämlicher ist als meins. ;) Es stimmt tatsächlich, egal in welcher Situation du dich befindest: Du bist nicht allein. Und das macht doch Mut, oder?

An dieser Stelle sei die liebe Dorella aufs Herzlichste gegrüßt, die weit davon entfernt ist, ein dämliches Leben zu haben. :)

Ich darf nun allen eine gute Nacht wünschen, einen tollen Start in die neue Woche, in den letzten Monat vorm Abi, einen tollen Start in den Rest deines Lebens. ;)

Freitag, 17. November 2006

Pappnase!

Sehr erfreulich fand ich heute einen kleinen Bericht, der mir zu Ohren gekommen ist. Eine kleine Gruppe von Menschen übte Protest gegen Castor-Transporte. Aber nicht etwa mit Sitzblockaden und Fesselspielchen oder sonstigem aggressiven/aggressiv-machenden Verhalten.

Nein, diese kleine Gruppe von Menschen schminkte sich die Gesichter farbig, sprang in bunte Klamotten und legte dicke rote Clownsnasen an. Kichernd und hüpfend liefen sie auf die Polizeitruppen zu, machten Quatsch und brachten jeden noch so ernsten Polizisten wenigstens zum Lächeln. Mit diesem Lächeln war für die Pappnasen ihr Hauptziel erreicht: Die aggressive Grundstimmung war genommen. Und so kam es, dass die lieben Polizisten - nachdem die kleine Gruppe sich doch Hintern schwenkend auf die Gleise gestellt hatte - die niedlichen Pappnasen mit sanften Stupsern vom Bahndamm lotsten.

Protest mal anders! Und auch wenn sich Castor-Transporte durch bunte Pappnasen kaum aufhalten lassen werden, vielen Beteiligten zauberten sie doch ein dankenswertes Lächeln auf die Lippen.

Sonntag, 5. November 2006

Über und von Franz Kafka

Die letzte Woche habe ich hauptsächlich damit verbracht, meine Facharbeit (im Fach Deutsch) zu schreiben. Mein Thema: Franz Kafka und Max Brod - literarische Wechselwirkungen einer Freundschaft. Nun erscheint es auf den ersten Blick sehr monströs, wenn man bis zu zwanzig Seiten füllen soll, aber bei der Arbeit habe ich gemerkt, dass es eigentlich unheimlich viel über Kafka und seinen Freund und Verleger Brod zu erzählen gibt. So viele interessante Kleinigkeiten begegnen einem beim Lesen von Büchern, die sich rund um Kafka und Brod drehen, dass einem bewusst wird, dass keine zwanzig Seiten den beiden gerecht werden könnten.

Vor allem wurde mir mal wieder klar, welch faszinierende Person der Mensch und Autor Kafka ist. Ein begnadet talentierter Schriftsteller mit einem beeindruckenden Gespür für Kleinigkeiten der Natur. Kafka war begeistert von dem Begriff "Geruch feuchter Steine in einem Hausflur", den Hugo von Hofmannsthal in einem seiner Werke für das sich Verlieren in den tausend Kleinigkeiten der Welt verwendete. Oftmals hatte Kafka beim Schreiben eben dieses Gefühl und die Angst, diesen Kleinigkeiten nicht gerecht zu werden. Dennoch ist ihm das mehr als nur gelungen. Die Beobachtungen, die der Mensch Franz Kafka in der Welt machte, flechtete er gekonnt in seine Geschichten ein, macht sie lebendig und mitreißend.

Kafka war ein Autor, den sein alltägliches Leben mit dem Job in der Prager Arbeiter-Unfallversicherung bis an seine Grenzen belastete, stand er doch seiner Berufung als (sich selbst tragender) Schriftsteller im Wege. Tagsüber Beamter, nachts grandioser Autor, unfähig eine Familie zu gründen, aus Angst, die Schreiberei könne daran zu Grunde gehen ("Was für Mühen, sich zu erhalten", Tagebucheintrag Kafkas). Diese Selbstzerrissenheit kommt in vielen seiner Werke zum Ausdruck und hinterlässt beim Leser, der sich dessen vielleicht nie von allein bewusst wird, ein flaues Gefühl im Magen, wenn er für ein paar Zeilen lang in Kafkas Welt eintauchen kann.

Kafka ist einer der "größten Dichter unserer Zeit", das hat schon Max Brod gesagt. Dieser Meinung schließe ich mich an. Zu seinen Ehren stelle ich hier eine kurze Geschichte von Kafka ein, die mir selbst sehr gut gefällt. Sie entstand ungefähr zwei Jahre vor seinem Tod, seine Lungen- und Kehlkopftuberkulose-Diagnose war schon lange gestellt. Wie auch in dieser Geschichte hat Kafka sich in den letzten Jahren seines Lebens besonders mit dem Künstlerdasein und dem Unverständnis des Künstlerpublikums für dessen Werke beschäftigt, ein Konflikt, dem er selbst nicht nur ausgesetzt war, sondern teils noch immer ist.

Erstes Leid
Franz Kafka

Ein Trapezkünstler - bekanntlich ist diese hoch in den Kuppeln der großen Varietébühnen ausgeübte Kunst eine der schwierigsten unter allen, Menschen erreichbaren - hatte, zuerst nur aus dem Streben nach Vervollkommnung, später auch aus tyrannisch gewordener Gewohnheit sein Leben derart eingerichtet, daß er, so lange er im gleichen Unternehmen arbeitete, Tag und Nacht auf dem Trapeze blieb. Allen seinen, übrigens sehr geringen Bedürfnissen wurde durch einander ablösende Diener entsprochen, welche unten wachten und alles, was oben benötigt wurde, in eigens konstruierten Gefäßen hinauf- und hinabgezogen. Besondere Schwierigkeiten für die Umwelt ergaben sich aus dieser Lebensweise nicht; nur während der sonstigen Programmnummern war es ein wenig störend, daß er, wie sich nicht verbergen ließ, oben geblieben war und daß, trotzdem er sich in solchen Zeiten meist ruhig verhielt, hie und da ein Blick aus dem Publikum zu ihm abirrte. Doch verziehen ihm dies die Direktionen, weil er ein außerordentlicher, unersetzlicher Künstler war. Auch sah man natürlich ein, daß er nicht aus Mutwillen so lebte, und eigentlich nur so sich in dauernder Übung erhalten, nur so seine Kunst in ihrer Vollkommenheit bewahren konnte. Doch war es oben auch sonst gesund, und wenn in der wärmeren Jahreszeit in der ganzen Runde der Wölbung die Seitenfenster aufgeklappt wurden und mit der frischen Luft die Sonne mächtig in den dämmernden Raum eindrang, dann war es dort sogar schön. Freilich, sein menschlicher Verkehr war eingeschränkt, nur manchmal kletterte auf der Strickleiter ein Turnerkollege zu ihm hinauf, dann saßen sie beide auf dem Trapez, lehnten rechts und links an den Haltestricken und plauderten, oder es verbesserten Bauarbeiter das Dich und wechselten einige Worte mit ihm durch ein offenes Fenster, oder es überprüfte der Feuerwehrmann die Notbeleuchtung auf der obersten Galerie und rief ihm etwas Respektvolles, aber wenig Verständliches zu. Sonst blieb es um ihn still; nachdenklich sah nur manchmal irgendein Angestellter, der sich etwa am Nachmittag in das leere Theater verirrte, in die dem Blick sich fast entziehende Höhe empor, wo der Trapezkünstler, ohne wissen zu können, daß jemand ihn beobachtete, seine Künste trieb oder ruhte. So hätte der Trapezkünstler ungestört leben können, wären nicht die unvermeidlichen Reisen von Ort zu Ort gewesen, die ihm äußerst lästig waren. Zwar sorgte der Impresario dafür, daß der Trapezkünstler von jeder unnötigen Verlängerung seiner Leiden verschont blieb: für die Fahrten in den Städten benützte man Rennautomobile, mit denen man, womöglich in der Nacht oder in den frühesten Morgenstunden, durch die menschenleeren Straßen mit letzter Geschwindigkeit jagte, aber freilich zu langsam für des Trapezkünstlers Sehnsucht; im Eisenbahnzug war ein ganzes Kupee bestellt, in welchem der Trapezkünstler, zwar in kläglichem, aber doch irgendeinem Ersatz seiner sonstigen Lebensweise die Fahrt oben im Gepäcknetz zubrachte; im nächsten Gastspielort war im Theater lange vor der Ankunft des Trapezkünstlers das Trapez schon an seiner Stelle, auch waren alle zum Theaterraum führenden Türen weit geöffnet, alle Gänge freigehalten - aber es waren doch immer die schönsten Augenblicke im Leben des Impresario, wenn der Trapezkünstler dann den Fuß auf die Strickleiter setzte und im Nu, endlich, wieder oben an seinem Trapeze hing. So viele Reisen nun auch schon dem Impresario geglückt waren, jede neue war ihm doch wieder peinlich, denn die Reisen waren, von allem anderen abgesehen, für die Nerven des Trapezkünstlers jedenfalls zerstörend. So fuhren sie wieder einmal miteinander, der Trapezkünstler lag im Gepäcknetz und träumte, der Impresario lehnte in der Fensterecke gegenüber und las ein Buch, da redete ihn der Trapezkünstler leise an. Der Impresario war gleich zu seinen Diensten. Der Trapezkünstler sagte, die Lippen beißend, er müsse jetzt für sein Turnen, statt des bisherigen einen, immer zwei Trapeze haben, zwei Trapeze einander gegenüber. Der Impresario war damit sofort einverstanden. Der Trapezkünstler aber, so als wolle er es zeigen, daß hier die Zustimmung des Impresario ebenso bedeutungslos sei, wie es etwa sein Widerspruch wäre, sagte, daß er nun niemals mehr und unter keinen Umständen nur auf einem Trapez turnen werde. Unter der Vorstellung, daß es vielleicht doch einmal geschehen könnte, schien er zu schaudern. Der Impresario erklärte, zögernd und beobachtend, nochmals sein volles Einverständnis, zwei Trapeze seien besser als eines, auch sonst sei diese neue Einrichtung vorteilhaft, sie mache die Produktion abwechslungsreicher. Da fing der Trapezkünstler plötzlich zu weinen an. Tief erschrocken sprang der Impresario auf und fragte, was denn geschehen sei, und da er keine Antwort bekam, stieg er auf die Bank, streichelte ihn und drückte sein Gesicht an das eigene, so daß er auch von des Trapezkünstlers Tränen überflossen wurde. Aber erst nach vielen Fragen und Schmeichelworten sagte der Trapezkünstler schluchzend: »Nur diese eine Stange in den Händen - wie kann ich denn leben!« Nun war es dem Impresario schon leichter, den Trapezkünstler zu trösten; er versprach, gleich aus der nächsten Station an den nächsten Gastspielort wegen des zweiten Trapezes zu telegraphieren; machte sich Vorwürfe, daß er den Trapezkünstler so lange Zeit nur auf einem Trapez hatte arbeiten lassen, und dankte ihm und lobte ihn sehr, daß er endlich auf den Fehler aufmerksam gemacht hatte. So gelang es dem Impresario, den Trapezkünstler langsam zu beruhigen, und er konnte wieder zurück in seine Ecke gehen. Er selbst aber war nicht beruhigt, mit schwerer Sorge betrachtete er heimlich über das Buch hinweg den Trapezkünstler. Wenn ihn einmal solche Gedanken zu quälen begannen, konnten sie je gänzlich aufhören? Mußten sie sich nicht immerfort steigern? Waren sie nicht existenzbedrohend? Und wirklich glaubte der Impresario zu sehn, wie jetzt im scheinbar ruhigen Schlaf, in welchen das Weinen geendet hatte, die ersten Falten auf des Trapezkünstlers glatter Kinderstirn sich einzuzeichnen begannen.

Freitag, 13. Oktober 2006

Erbsen machen das Leben nicht schöner

Gestern erzählte man mir von einer Methode, wie man die glücklichen Momente eines Tages bewusster erleben könne. Man solle sich jeden Morgen in die linke Hosen- oder Jackentasche Erbsen geben und jedes Mal, wenn man meint, einen glücklichen Moment zu haben, eine Erbse von der linken in die rechte Tasche wandern lassen. Abends könne man dann die Erbsen in der rechten Tasche zählen und sich jeden glücklichen Moment noch einmal in Erinnerung rufen.

Dazu fällt mir erst mal nichts ein außer: Traurig. Jetzt braucht der Mensch also schon Erbsen, um sich seiner Glücksmomente bewusst zu werden. Das Empfinden von kleinem Glück hat er wohl verlernt.

Gleichzeitig hat es mich gefreut, ohne Erbsen in irgendwelchen Taschen auszukommen, denn auf dem Teller sind sie mir wesentlich lieber. Und meine täglichen Glücksmomente behalte ich in Gedanken nicht nur bis zum Abend, um ihn dann wie eine zerdätschte Erbse wegzuschmeißen. Ich weiß auch heute noch, wie sehr es mich vor ungefähr vier Wochen freute, an einem kleinen Jungen vorbeizufahren, der Seifenblasen machte, die mir direkt vor die Windschutzscheibe flogen. Wie gut haben die vor den wolkenverhangenen grauen Himmel gepasst!

Man sollte lernen, Augenblicke des Glücks nicht in eine metaphorische Ebene von Gemüse zu pressen. Man kann sich auch so - wie ich gerade eben - einfach nur freuen, des Nachts allein durch die Dunkelheit einer Landstraße zu fahren (ohne für Verkehrsteilnehmer bremsen zu müssen, die es leider nur bis 80 km/h schaffen oder ihre Tachonadel bei 100 festgetackert haben), dabei schöne Musik zu hören und die Wärme im Auto zu genießen, weil man weiß, dass es draußen schon herbstlich frisch ist.

Fakt ist für mich, dass Erbsen das Leben nicht schöner machen. Wer sein Glück ohne Erbsen nicht sieht, der wird es auch mit dem Gemüse in der Tasche übersehen, vielleicht sogar mit den Fingern zwischen den Erbsen so auf die Suche konzentriert einfach am Glück vorbeilaufen. Daher: Hände aus den Taschen und aufgepasst! Glück ist mehr als nur eine kleine, grüne Hülsenfrucht.

Samstag, 19. August 2006

Senior City Car

"Nun ja, ich habe vor zehn Jahren damit angefangen, als ich in Rente kam. Nun bin ich im 21. Semester an der Volkshochschule." Das ist ein Satz, der einen durchaus erstaunen kann, wenn es sich bei dem Sprecher um eine 70-jährige Dame handelt, die von ihrem Englischkurs erzählt. Sie habe schon immer eine Begabung für Sprachen gehabt, jedoch ginge ihr eine Begabung für die höhere Mathematik völlig ab. Und dennoch war es ihr gelungen, eine Anstellung in einer Bank anzutreten. Den Englischkurs mache sie, um ihre alten grauen Zellen auf Trab zu halten, denn man könne ja nicht den ganzen Tag nur in der Wohnung sitzen und Kreuzworträtsel lösen, oder mit dem Hund mal eben um die Ecke Gassi gehen. Da fliegt sie doch lieber im Rahmen ihres Englischkurses mal für vier Tage nach London, um die Stadt zu besichtigen und sich in Gruppenzimmern mit Wasserkocher und Fertiggerichten selbst zu versorgen. Immerhin fühlt man sich dann noch mal wie zwanzig, erzählt sie mir schmunzelnd.

Und auf Trab ist die gute Dame auf jeden Fall nicht nur mit ihren grauen Zellen. Zwar traut sie sich nicht mehr, den großen Mercedes ihres Mannes zu fahren, aber eben deshalb und weil sie nicht völlig aufhören möchte zu fahren, nennt sie nun einen kleinen Smart ihr Eigen. "Senior City Car" ziert das Heck ihres kleinen neuen Lieblings. Sie erzählte mir, dass sie damit zwar keine großen Strecken mehr zurücklegt, aber zum Einkaufen mit ihrer zwei Jahre älteren Freundin zum nächsten Einkaufscenter traue sie sich noch. "Und es ist ja auch immer ganz lustig. Ab und an überholt uns dann jemand, der es sich nicht wie wir Rentner leisten kann, Zeit zu haben. Wenn er dann an uns vorbeifährt, dann lächeln wir ihn an und winken ihm freundlich."

Vor so viel Aktivität, Mut und Leichtigkeit des Humors in einem doch schon so hohen Alter habe ich absoluten Respekt. Ich finde es toll, wenn man seinen Lebensabend so genießerisch verbringt, wie diese Dame es mir heute erzählte, und immer noch mit Spaß bei Sachen wie Englisch sprechen ist (denn lernen muss sie nicht mehr viel). Jedenfalls färbte dieser Enthusiasmus heute Abend ein wenig auf mich ab und ein so nettes und heiteres Gespräch hat mir wahrhaft viel Freude bereitet.

Samstag, 15. Juli 2006

Tag der Reflexion

Reflexion ist ein Prozess, der für jede menschliche Existenz sehr wichtig ist. Manche tun es mehr, manche weniger, einige nie (wie es mir scheint), andere dagegen ständig. Und was macht man während dieses Prozesses? Man stellt einige Dinge in Frage...

... Verhalten
... Entscheidungen
... Aufrichtigkeit
... Toleranz
... Ehrgeiz
... persönliche Eigenschaften

... Beziehungen
... Freundschaften
... besonders gute Drähte

... Fähigkeiten
... Talente
... Wahrnehmung
... Träume
... Ängste
... Willenskraft

... gestern
... heute
... morgen

In Frage stellen kann man also vieles. Aber woher kommen die Antworten? Aus dem Internet leider nicht. Auch kein Buch kann darauf Antwort geben, kein Lehrer, kein weiser alter Mann. Denn zwangsläufig gibt es keine richtigen Antworten, nur richtige Fragen, die man sich immer stellen sollte, um ein Stück sich selbst zu finden und Charakter zu entwickeln. Also: Man reflektiere, man stelle in Frage, denn...
In der Frage liegt mehr als in der Antwort.
(Walter Rathenau)

Samstag, 8. Juli 2006

Aha

Frau Merkel auf die Frage, wer wohl das Finale der Fußball WM 2006 gewinnt (einen Tag vor selbigem Ereignis) : "Da will ich mich nicht festlegen. Denn ich würde zwischen dem französischen und dem italienischen Präsidenten zu entscheiden haben."

Wo ist der Fehler?


Donnerstag, 1. Juni 2006

Tierisch WM-genervt...

Diese Karikatur war in den letzten Tagen in unserer Zeitung (der Bote) zu finden. Sie bringt hervorragend meine Meinung zu dem Bären in Garmisch und zur WM zum Ausdruck: Größtenteils lächerliches Theater. Wenn ich als Bär so gejagt würde, dann würde ich ebenfalls untertauchen und spurlos verschwinden.

Das erklärt auch die etwas unförmigen Proportionen des "Fußballsviechs". Wussten sie, dass die Firma Nici, die das Goleo-Plüschtier herstellt, pleite gegangen ist? Irgendwie wundert mich das bei dieser Schönheit nicht wirklich.

Lieber Bär, es war eine raffinierte Idee, sich als Fußballmaskottchen zu verkleiden. Das muss dir erst mal einer nachmachen. Aber keine Weltmeisterschaft währt ewig, also überlege dir besser schon jetzt, als wessen Maskottchen du nach dem Spektakel fungieren möchtest. Sei nur gewarnt: So ein unattraktives findest du wohl kaum wieder. ;)


Samstag, 22. April 2006

Die Eier des Herrn

Nun hat das also alles ein Ende: Die vielen kleinen Tonosterhasen in den Gärten der Menschen, die "Frohe Ostern"-Aufkleber an Schaufenstern und die komischen, kleinen, bunten, 3d-ovalen Gebilde an den armen Sträuchern und so wird es auch dem Letzten klar: Ostern ist vorbei.

Und? Haben Sie dieses Jahr Ostereier bemalt? Diese dann im Garten versteckt und ihre Kinder danach suchen lassen? Sind Sie sich sicher, dass alle Eier gefunden wurden oder riechen Sie schon langsam den unangenehmen Geruch, der Sie die Nase rümpfen lässt?

Als ich diese Eierei zu Ostern gesehen habe, habe ich mich (nicht zum ersten Mal) gefragt: Wozu eigentlich? Und wieso?!

Mag ja sein, dass der Osterhase ein niedliches Stubbelnäschen und ein putziges Stummelschwänzchen hat, natürlich. Muss er ja auch! Vor ungefähr 2000 Jahren ist ja nicht umsonst Jesus auferstanden! Schon damals - so weiß ich aus sichersten Quellen - haben sich alle Hasen gesagt: "Zur Feier des Tages lege ich jetzt ein Ei. Und das jedes Jahr." Logisch, dass man dann auch zwei Jahrtausende später immer um die selbe Zeit einen Überschuss an Eiern hat. Und weil die meisten davon so blöd weiß sind, die Natur aber mit dem Frühling die bunten Farben vormacht, malen wir die Eier an. Immerhin gehts hier ja auch um die Auferstehung, daher auch die Sache mit Meister Lempel.

Joah. Alle Klarheiten beseitigt? Wunderprächtig. Dann empfehle ich mich. Und denken Sie daran: Je nachdem, wie Sie drauftreten, gibt es entweder Spiegel- oder Rührei. ;)

Montag, 20. Februar 2006

TerR(adi)oR

"Wenn Sie die Lösung wissen, dann rufen Sie uns an!" So lautet der Satz, der in letzter Zeit wohl nicht nur meine Nerven gehörig strapaziert! Als ob die Gewinnspiele im Fernsehen an jeder Senderecke noch nicht genug gewesen wären, so fangen jetzt auch noch Radiosender mit diesem Gewinnterror an.

Langsam aber sicher kann ich es nicht mehr hören: "Müller?" - "Wer ist da?" - "Müller" - "Das ist leider nicht das, was ich hören möchte, Frau Müller. Hier ist der 10.000 Euro Anruf." Daraufhin folgt großes Gejammer auf beiden Seiten und geheucheltes Mitgefühl, als ob es dem Moderator wehtun müsste, eben keine 10.000 Euro auszugeben. Allen Menschen mit ein bisschen Verstand verrate ich nun die richtige Antwort auf einen Anruf von Unbekannt: "Hallo, Antenne Bayern. Ihr nervt!"

Welch ein erleichtertes Gefühl, als den Chefs vom Sender die falschen Antworten wohl selbst auf den Senkel gingen und sie den 10.000 Euro Anruf von der Sendeliste nahmen und Bayern stattdessen mit dem kleinen Nils quälten: "Zu Weihnachten gab es in Bayern gaaaaanz viel Dingsbums!!" Na, und? Was ist das Dingsbums, für das es sage und schreibe 50.000 Euro gibt, und zwar mindestens? "Glockengeläut"... Aber von wegen Schluss mit Dingsbums! "Am allerallerliebsten in Bayern mag ich Dingsbums!!" Dies war für mich der Moment, den Sender zu wechseln.

Nun wurde ich am Wochenende vorübergehend ein Zuhörer eines Radiosenders in einem Bundesland außerhalb Bayerns (ja, dort gibt es auch schon Radios). Und irgendwie scheint es doch wohl überall dasselbe zu sein. Denn bei einem Radiosender in Sachsen wird man von der höchsten Frau Deutschlands begrüßt, auf gewohnt liebenswürdige Art natürlich. Frau Merkel schmeißt einem mit einem glucksenden Kichern den Halbsatz "Ich bevorzuge rote *piep*" hin. Die richtige Antwort ist dem Sender mehr als 20.000 Euro wert. Einige Vorschläge der Zuhörer: rote Strapse, rote Wände, ...

Ich frage mich, woher dieses ganze Geld kommt, das man 5-Jährige oder eine Kichererbse mit der Lieblingsfarbe rot aus dem Fenster werfen lässt. Und selbst, wenn das Geld da ist, warum verteilt man es an Leute, die eine geradezu lächerliche Gegenleistung erbringen? Klar, Weihnachten ist vorbei, die Spendenarbeit für das ganze Jahr also getan. Da kann man schon mal irgendwelche Menschen in Bayern anrufen und von ihnen erwarten, sich zum Affen zu machen. Meine Meinung dazu: Wenn ich der Gewinner einer solchen überdiemensionalen Summe wäre, würde ich einen Radiosender aufkaufen und derartigen Terror hochkant mit A****tritt von der Sendeliste befördern!

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit, schalten Sie wieder ein!

P.S.: Mein Tipp: "Ich bevorzuge rote Socken." Attraktivität und so.

Montag, 13. Februar 2006

Dank den Primärbedürfnissen

Wer Hunger hat, der kann sich nicht konzentrieren. Ebenfalls kann er das nicht wenn er Durst hat. Richtig unangenehm wird es, wenn man sich konzentrieren soll und unpassenderweise eigentlich lieber ein stilles Örtchen aufsuchen würde. Während Prüfungen zum Beispiel, bei Feierlichkeiten oder das Paradebeispiel: Während Autofahrten, weit und breit weder Parkplatz, Rastmöglichkeit oder Wald zu sehen. Ungünstig, kann ich da nur sagen, und doch kein Einzelfall.

Heute habe ich gelernt, dieses Problem von der positiven Seite zu betrachten. Ja, richtig gelesen, auch diese natürliche Eigenheit hat eine Sonnenseite, so absurd dieser Gedanke auf den ersten Blick auch scheinen mag. Mir hat dieses Primärbedürfnis heute nämlich spürbar die Nervosität genommen. Wenn man sich auf ein anderes Problem konzentrieren kann, dann ist man nicht so leicht versucht, an die bevorstehende Führerscheinprüfung zu denken.

Erleichternd (im wahrsten Sinne des Wortes) kommt hinzu, dass man sich nach Zufriedenstellen dieses Bedürfnisses total gelöst fühlt! Eine innere Ruhe überkommt einen, man ist total gelassen, denn schließlich muss man ja jetzt endlich nicht mehr für kleine Fahrprüflinge!

Zu Ehren dieses Primärbedürfnisses möchte ich also selbigem danken - für ein Maximum an Ruhe, soweit das heute möglich war, und für eine weitere bestandene Prüfung in meinem Leben. Auf alle Durststrecken, die auf jeden Fall ein Ende haben! ;)

Dienstag, 24. Januar 2006

Warum fliegst du nicht?

Als ich in der Nacht des 21. Juni spazieren ging, um die lauwarme Luft draußen zu genießen, die mir süße Abkühlung versprach, da kam ich an einem Hügel vorbei. Mitten darauf lag ein großer runder Stein, wie eine nach allen Seiten offene Bühne. Das Mondlicht setzte das Bild phantastisch in Szene. Es sah geheimnisvoll aus, fast ein wenig bizarr. Deshalb wunderte es mich auch nicht, auf dem Stein ein kleines Wesen zu sehen. Es hatte große, graue Flügel auf dem Rücken, die im schwachen Licht etwas bläulich schimmerten, und saß zusammengekauert ganz still und bewegungslos da: Die Knie angezogen, die Arme darauf verschränkt und den Kopf dahinter vergraben schien es nicht einmal zu atmen.

"Hey, du", sagte ich und ging auf das Wesen zu. Es hob den Kopf, die seltsam leichten Haare fielen ihm ins Gesicht und große, liebliche Augen schauten mich fragend an. "Wieso sitzt du da auf dem Stein? Weshalb schläfst du nicht?", fragte ich es.

"Wieso schläfst du nicht?", erwiderte es und legte den Kopf etwas zur Seite. "Es lohnt sich nicht zu schlafen", antwortete es dann doch und sah zum Himmel. "Ich würde sie sinnloserweise einfach verpassen." - "Wen?" - "Die Nacht", antwortete es ruhig und schaute lächelnd einer Sternschnuppe nach. Die Flügel bewegten sich geschmeidig, hielten dann aber wieder still.

"Ist es nicht langweilig, hier unten auf einem Stein auf einem Hügel auf der Erde zu sitzen?", wollte ich wissen. "Du hast doch Flügel, warum fliegst du nicht?"

"Nicht so laut, du weckst ja alle!", ermahnte es mich und sah mich kurz vorwurfsvoll an, doch dann zerfiel dieser Blick wie Asche und wich einem erneuten Lächeln. "Ich will nicht. Schau doch mal: Da oben ist der Mond, der passt auf all die Sterne um ihn herum auf. Und hat auch noch ein Auge auf alles unter ihm, sogar auf einen Hügel und einen Stein und einen Menschen. Warum also sollte ich rumfliegen? Es ist doch alles perfekt. Ich sitze hier einfach nur und genieße den Augenblick, die eine Nacht. Ist sie es denn nicht wert, genossen zu werden? Ist es nicht jede Nacht, jeder Tag, ja, jeder einzelne Moment wert, sich einfach nur ohne weiteres daran zu erfreuen? Deshalb sitze ich hier, deswegen fliege ich nicht. Für diese Nacht."

Mittwoch, 18. Januar 2006

Luftschiff

Perfektion. Ja, über sowas habe ich mir Gedanken gemacht, während ich mir vorhin ein Brot schmierte. Nicht etwa so aus heiterem Himmel, nein. Nein, ich habe dabei ein Lied gehört: Luftschiff von Unheilig. In diesem Lied geht es nicht etwa um den perfekten Menschen, es war auch nicht in erster Linie der Text, der mich zu dieser fixen (aber überaus angenehmen) Idee inspirierte, sondern die Musik an sich: Denn in der Gestalt eines Menschen wäre Luftschiff...

der perfekte Mann.

Man gewähre mir nun einen Versuch, meine Gedanken in Worte zu fassen, was mir in Gänze ohnehin unmöglich scheint. Zunächst mal hat das Lied auf mich eine Art berauschende Wirkung, ich brauche nur die Augen zuzumachen und schon entstehen herrliche Bilder vor meinen Augen. Als ob es mich mitnehmen wollte in eine ganz andere Welt, mit leisen, anziehenden Tönen wie ein gehauchtes Flüstern nah am Ohr.

Gleichzeitig aber klingt es stark und scheint es stark zu machen. Was nach außen hin hart und rau wirkt, ist nur eine innere Tiefe. Es hat etwas Schützendes und Wachendes an sich, etwas, das beinahe stärker wirkt, als der Rest der Welt; kurz und gut: etwas, dem man zutiefst vertraut, weil es Wärme ausstrahlt, der man sich gerne ergibt.

Fast schon wirkt es absolut, deshalb gar ein bisschen bedrohlich, aber immer noch - oder gerade deshalb - reizvoll, weil es anscheinend die Macht hat, alles andere vergessen zu lassen. Diese Kraft wird nur dadurch relativiert, dass sie genügend devot ist, um ihr führendes Wesen kurz vor dem Ziel zugunsten der Vollkommenheit aufzugeben. Zu zweit allein in der Ewigkeit.
Welch ein göttliches Lied, dass es meine Phantasie so zu beflügeln vermag und (Tag-)Träume erwachen lässt! Vielen Dank für die leise, die sanfte und starke, absolute Perfektion, mein Luftschiff!

Bring mich dorthin,
wo die Wolken ziehen.
Lass mich den Himmel
einmal von oben sehen. Gleite leise
durch das Wolkenland.
Treibe mit mir
zum Sonnenuntergang.

Donnerstag, 12. Januar 2006

Noirceur

Manchmal gibt es Zeiten, in denen man sich einfach in sein Bett legen möchte, um dann nie mehr (oder zumindest für eine Weile nicht mehr) aufzustehen. In solch einer Zeit befinde ich mich gerade. Ein bisschen Ruhe und Abstand wären super, wenn da nicht die eine Kleinigkeit wäre.
Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den andern,

Jeder ist allein.So beginnt ein Gedicht von Hermann Hesse, das mir regelmäßig in den Sinn kommt. Genauso fühle ich mich seit ein paar Tagen. Klar, der Verstand erklärt einem, dass es nicht stimmt, man ist nicht allein, denn man hat die Familie, man hat liebe Freunde und so weiter. Aber arbeitet das Umfeld nicht oftmals doch scheinbar gegen einen? Es gibt wohl keinen Menschen, der sich nicht ab und zu über Stress beklagen müsste, über Druck von außen. Ständig muss man bestimmte Erwartungen erfüllen, seien es die, welche die Allgemeinheit an einen stellt, oder die, die man an sich selbst hat.

Aber leider ist keiner da, der sich mal vor die Tür stellt, den Finger auf die Lippen legt und mit einem freundlichen Lächeln sagt: "Psst, heute nicht, liebe Welt..." Und das, wo das ein oder andere Lächeln, das mir begegnet, durchaus schon fast an dieses Ideal herankommt.

Doch was, wenn ich dieses fast perfekte Lächeln verliere? Enttäuscht werden kann sehr weh tun, aber enttäuscht werden von jemandem, an dem das Herz hängt, das schmerzt. Und wer will schon Schmerz ertragen? Ein gewisses Risiko schwingt immer mit, aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Vielleicht bringt es ja doch ein bisschen Balsam für die Seele. Allein schon deshalb, weil es nur gut tut, es wenigstens zu hören: "Du bist nicht allein: Ich bin hier."

Freitag, 6. Januar 2006

Wenn der Witz seinen Witz verliert...

... und man trotzdem lacht. Oder: Witze, die einen berühren.

Allerdings! Das Lachen kann einem schnell vergehen! Verdammt schnell, und wenn es sich dabei auch nur um einen halben Meter handelt. Mir blieb es letztens sehr schnell im Halse stecken.

Wer kennt dieses Gefühl nicht? Wie versteinert bleibt man stehen und hält still, zieht erwartungsvoll aber skeptisch die Augenbrauen hoch (in wessen Macht es ist, der zieht nur eine hoch; in meinem Falle war es die linke) und harrt der Dinge, die da kommen. Man kann sich nicht entscheiden, ob es einem nun kalt den Rücken herunterlaufen oder es ganz warm im Kopf werden soll; man neigt den Kopf und denkt sich noch lapidare Dinge wie "Oh, oh...", während die Spannung den Rahmen zu sprengen droht.

Und dann ist sie doch da, die Pointe, man lacht schallend, dreht sich halb weg und belohnt den Erzähler mit einem begeisterten Blick.

So ging es mir letztens auch. Und das Erstaunliche an der Sache? Die Spannung war danach nicht einfach weg wie sonst. Und das erstaunlicherweise nur wegen dieser einen Stelle hinter dem Ohr... ;)

Montag, 12. Dezember 2005

Von der Epitasis zur Katastrophe

Im Jahre 1863 entwickelte Gustav Freytag die sogenannte Dramenpyramide, wonach die Akte eines Dramas (Komödie oder Tragödie) als fünf Stufen dargestellt werden:
Der erste Akt ist die Exposition, eine Art Einleitung, in der dem Leser das bisherige Geschehen erklärt wird. Im zweiten Akt verdichtet sich die Handlung, die Konflikte nehmen zu; man nennt dies das erregende Moment oder auch die Epitasis. Der Höhepunkt des Ganzen, die Peripetie, findet im dritten Akt statt: Der Held (nicht grundsätzlich eine ruhmvolle Figur, sondern lediglich die Hauptperson) erreicht den Gipfel seiner Macht. Über den vierten Akt, das retardierende Moment, fällt die Handlung ab und der Untergang deutet sich an, der sich schließlich in der Katastrophe ereignet (wobei die Katastrophe durchaus auch so genannt wird, wenn es sich in einer Komödie um ein Happy End handelt).
Es hat mich tatsächlich erstaunt, dass ich mich in dem Wissen aus der Schule wirklich selbst wiedergefunden habe. Anscheinend hat es wohl wirklich einen gewissen Wahrheitsgehalt, der einem auch weiterhin praktisch behilflich sein kann. Sehr beruhigend, dass einem etwas beigebracht wird, worüber sich schlaue Menschen schon vor Jahrhunderten Gedanken gemacht haben, und zwar zurecht.

Heute bin ich in der Schule durch den Gang gelaufen, auf dem Weg in die Pause. An mir vorbei ein Strom aus Menschen, die meisten davon nicht größer als 1,40. Und wieder hat mich das beklemmende Gefühl der letzten Tage befallen, so als ob jeden Moment etwas Schreckliches passieren würde. "Ähnlich einer Tragödie", schoss es mir durch den Kopf, "Wie kurz vor der Peripetie, dem Höhepunkt, der eine Wende in der Handlung darstellt und dem Helden des Dramas bereits den Untergang vor Augen hält."

Welche Tragödie spielt sich also in mir ab? Welche Rolle spiele ich als Held in meinem Drama? Inmitten dieser lärmenden Menschenmenge habe ich darüber nachgedacht, was wohl der Höhepunkt sein könnte, den ich nahen spüre, und ob ich einen Einfluss darauf habe, diesen vielleicht sogar allein verursache. Wenn der Held nun meint, sich in einer Tragödie zu befinden, deren letzte Seite im wahrsten Sinne des Wortes in einer Katastrophe endet, täuscht er sich nicht unter Umständen? Eine Tragödie unterscheidet sich von einer Komödie doch nur durch den letzten Akt.

Die entscheidende Frage ist, ob der Höhepunkt aus meiner eigenen Feder stammen wird oder nicht.

Montag, 21. November 2005

Wer bin ich?

Wer bin ich eigentlich? Das ist wohl eine Frage, die sich jeder manchmal stellt. Und es ist eine Frage, auf die man nur schwerlich sofort eine Antwort finden kann. Jedes Lexikon, jede Suchmaschine im Internet und jedes Orakel wird bei dieser Frage resignierend die Schultern zucken. Kein Wunder, wenn man es genau betrachtet: Irgendwie ist man doch jeden Tag ein bisschen anders. Die Persönlichkeit ist lediglich ein Querschnitt durch alle sich wiederholenden Verhaltensweisen, der es einem immer wieder ermöglicht, über sich selbst überrascht zu sein.

Dieses Gefühl der Überraschung kennt sicherlich jeder, der ein bisschen über die eigene Person nachdenkt. "Ich könnte mich in den Hintern beißen!" - wer hat das nicht schon mal gedacht? Genauso wie: "Habe ich das gerade gesagt?!". Je mehr man über sich und sein Verhalten nachdenkt, desto besser lernt man sich für gewöhnlich kennen, das Definieren des Selbst fällt etwas leichter. Aber es gibt immer noch genügend Situationen im Leben, in denen man sich vielleicht selbst ein bisschen fremd vorkommt.

Hat man dann so eine ungefähre Ahnung davon, wer man eigentlich ist, dann kann es passieren, dass Einflüsse von außen diese Vorstellung ins Wanken bringen. Andere Menschen sehen einen oft ganz anders, als man sich selbst betrachten würde. Eigentlich klar: Niemand außer mir selbst kennt meine Gedanken genau, die mich dazu bewegen, bestimmte Dinge zu tun. Von außen können meine Handlungen deshalb ganz anders aussehen, denn was ich als Reaktion durchführe, wirkt oftmals nur wie eine Aktion auf andere. Dass das eine der Ursachen für Missverständnisse und Verwirrungen sein kann, das muss ich wohl nicht noch erwähnen.

Wie soll nun jemand von außen definieren können, wer man ist, wenn man selbst damit schon Probleme hat? Lernt man sich überhaupt jemals vollständig kennen? Wie existent ist eine Seele eigentlich? Ist sie autonom, oder vielleicht doch nur ein Spiegelbild von etwas Höherem?

Genauso wie kein Lexikon das weiß, keine Suchmaschine und keine Orakel oder Wahrsager, so kann auch ich darauf keine Antwort geben. Aber ich habe festgestellt, dass es sehr spannend sein kann, sich selbst ab und zu mal zu überraschen. Wie langweilig wäre unsere Welt, wenn jedes Ich unabänderlich festgefahren wäre! Deshalb ist es relativ sinnlos, sich selbst finden zu wollen. Selbstsuche ist das Schlüsselwort. Denn...
"Wer wird wohl Neues im scheinbar leeren All entdecken wollen, anstatt unendlich jung vom Wissen nur zu naschen?"
(Johann Wolfgang Goethe)

Montag, 14. November 2005

Die Teller-Theorie

Wie wäre es denn heute mal mit ein bisschen Philosophie? Lösen wir uns doch einen Moment von den starren, täglichen Anschauungen und öffnen uns für Sätze wie:

Ich bin ein Teller.

Ja, Sie haben richtig gelesen, ich bin ein Teller - genau wie Sie. Gut, vielleicht sind Sie auch eine Tasse, vielleicht auch eine Untertasse; das können Sie sich dann am Ende selbst überlegen. Warum ich ein Teller bin? Nun, ganz einfach: Ich fühle mich von Zeit zu Zeit wie ein eigenes kleines Universum. Dann geht in mir so viel vor, so viele Gedanken und Fragen, die mich zunächst selbst betreffen, dass ich froh bin, überhaupt noch über den Tellerrand schauen zu können und zu sehen, dass es auch anderes Geschirr mit Problemen gibt. Oftmals scheint der eigene Teller so groß und der eigene Tellerrand so unüberwindlich.

Was dann wirklich gut tut, das ist, wenn jemand mal über den Tellerrand schaut und "Hallo" sagt. Wenn mir derjenige sympathisch ist, dann erlaube ich ihm vielleicht sogar, auf meinem Tellerrand Platz zu nehmen und mir ein bisschen bei meinem Treiben zuzusehen. Leider haben die wenigsten so viel Geduld und noch weniger dieselbe Wellenlänge, dass sie dauerhaft dort sitzen bleiben (dürfen); der kleine Rest hingegen bekommt quasi ein eigenes Gästezimmer auf dem Porzellan.

In letzter Zeit bleibt mir kaum etwas anderes übrig, als mich mal über meinen eigenen "Horizont" hoch zu ziehen und bei anderem Geschirr vorbeizuschauen. In einigen herrscht tatsächlich etwas ähnliches wie ein Orkan, totales Durcheinander. Und so gern man auch helfen möchte: Wer von uns Menschen ist schon fähig, so eine Naturgewalt wie einen Sturm zu besänftigen? Was einem bleibt, das ist die Möglichkeit zu sagen: Nach jedem Sturm folgt auch irgendwann mal Sonnenschein.

Sonnenschein und Ruhe, das ist es, was nur sehr wenig Geschirr hat. Natürlich geht überall ein bisschen Wind, allerdings gibt es Menschen, die diese Lüftchen als "frischen Wind" zu verstehen wissen, die es ausnutzen und dadurch eben nicht wie so manch anderer abheben. Eben wegen dieser Seltenheit fasziniert es wohl, sich diese Teller oder Tassen näher anzuschauen, und obendrein tut das sogar dem eigenen Tellerleben sehr gut.

Deshalb lassen Sie sich als ein Geschirrteil sagen: Sie sind Teil eines Service' und auch wenn Sie mal nur bis zu Ihrem eigenen Horizont sehen können, machen Sie sich bewusst, dass auch andere Teller, Tassen und Unterteller Probleme haben. Als Teil des Ganzen kommt Ihre schöne Form, ihre strahlende Farbe viel besser zur Geltung; selbst jede Macke im Porzellan wird interessant. Von anderen Tellern kann man lernen, Risse zu kitten; Sie können Tassen um sich herum zeigen, wie man Sprünge daran hindert, das gesamte Porzellan zu zerbrechen. Seien Sie also ihr eigenes Geschirr, aber vergessen Sie nicht die anderen Teile des Service' um Sie herum.

Sonntag, 6. November 2005

Der Ruf der Möwen

Manchmal habe ich das Gefühl irgendwo in meinen Gedanken eine Möwe schreien zu hören, als ob sie mich riefe. Dann schließe ich die Augen und laufe los; der weiche Sandboden gibt unter meinen Füßen nach. Die Luft riecht und schmeckt nach Salz, ich trete über die Düne und da sehe ich das Meer, unter einem wolkenverhangenen Himmel. Die Möwen kreisen über die sich brechenden Wellen und warten darauf, dass die Fischer wieder ans Land kommen. Währenddessen setze ich mich in den Sand und ziehe die Jacke fester um mich. Der frische Wind spielt mit meinen Haaren wie mit Schaumkronen. Leise aber verlässlich rauscht das Meer, sogar das Schwappen der Wellen auf dem Sand hört man bis hier hoch. Mal tief durchatmen und die klare Meeresluft genießen.

Die Gedanken kehren zurück, und diesmal lasse ich sie auch. Denn irgendwann muss man seinen Gedanken einfach mal freien Lauf lassen. Man kann sie nicht ewig in eine Richtung lenken, ohne dass die Seele gegenlenkt. Bis zum Horizont lasse ich meine Gedanken schweifen. "Wie konnte nur...?" - "Und jetzt?" - "Was wird...?" Das tiefe Durchatmen fällt zuerst scheinbar unmöglich schwer und überrascht schließlich doch, weil es so leicht geht. Gefühle der Leichtigkeit vergisst man viel zu schnell, wenn man sie lange nicht mehr gespürt hat.

Ein Fleck taucht im Graublau des Wassers auf, kurz darauf gefolgt von einem monotonen Brummen, das immer lauter wird. Über dem Strand sammeln sich die Möwen, kreisen, fliegen tiefer und tapsen durch die seichten Wellen hinter den Sandbänken; sie wissen, dass die Boote wiederkommen. Langsam komme ich zu mir und die Gedanken ordnen sich. Ich denke sie alle bis zum Ende, breche sie nicht einfach mittendrin ab. Gedanken müssen frei werden, ab und zu wollen sie auch fliegen und nicht im Käfig des Alltags gefangen bleiben. Sie kommen ja zurück, irgendwann, genau wie die Möwen zu den Stellen, an denen die Boote aus dem Wasser gezogen werden.

Das Boot liegt inzwischen auf Sand, die Fischer ziehen ihre Beute aus den Netzen, die Möwen sammeln sich um das Boot und warten auf ihren täglichen Anteil. Nach einer halben Stunde werden volle Körbe über die Dünen getragen und die Möwen steigen kreischend wieder in die Lüfte. Mit der Zeit werden es immer weniger, nur vereinzelt sind sie unter den Wolken zu entdecken, nur von ganz fern hört man ihre Rufe. Morgen werden sie wiederkommen und sich am Strand niederlassen.

Ein letztes Mal tief durchgeatmet und ich stehe auf. Ich fahre den Computer runter, schalte die Lampe aus, stelle den Wecker auf die übliche Zeit und gehe schlafen. Morgen komme ich wieder und lasse mich am Meer der Gedanken nieder, damit die Seele frei wird und für ein paar Augenblicke wieder tief Luft holen kann.

Freitag, 4. November 2005

Tout droit

Ob es nun ein Glücksfall ist oder eher nur ein Nebeneffekt des Lebens, darüber lässt sich streiten, aber fest steht: Auf seinem Weg durchs Leben ist man selten allein unterwegs. Es kommen einem viele Menschen entgegen, tagtäglich wird unser Weg gekreuzt, manchmal werden wir gezwungen zu bremsen, manchmal ist es auch angenehm mal anhalten zu können und den Strom der hetzenden Menschheit mit den Augen zu verfolgen. Wir finden auf unserem Weg Spuren von Menschen, die schon vor uns hier lang gegangen sind. Vielleicht haben sie uns die Straße geebnet (indem sie Teerbatzen auf den Kies klatschten) oder vielleicht haben sie uns auch Steine in den Weg gelegt. Und dann gibt es die Sorte von Menschen, die mit uns gehen, in dieselbe Richtung, Menschen die uns begleiten, damit wir nicht vollkommen allein durchs Leben irren: Unsere Freunde. Mit denen geht man sogar gerne den ein oder anderen Umweg und lacht mit ihnen über die zahlreichen Stolperfallen im Leben, die man schon hinter sich gelassen hat.

Was, wenn nun einer anfängt stur gerade aus zu schauen? Vielleicht hat er ein Ziel entdeckt, vielleicht hat er gerade das Ziel vor Augen verloren und läuft blind weiter, macht unter Umständen vielleicht sogar die Augen ganz zu? Die Person wird im wahrsten Sinne des Wortes zum Einzelgänger. Er sieht nicht mehr, welches Tempo seine Freunde und Mitmenschen haben; den einen überrennt er, den anderen, der gefallen ist und am Boden liegt, bemerkt er nicht. Er schaut stur geradeaus, nicht nach rechts, nicht nach links und nicht zurück.

Hast du schon einmal daran gedacht, dass sich jemand verletzen könnte, wenn er hinfällt? Dass es Stolperfallen im Leben gibt, aus denen man nicht ohne Schürfwunden herauskommt? Ja, natürlich, Schürfwunden verheilen. Bei den etwas tieferen bleiben eventuell Narben zurück und erinnern einen an Fehler, die man zukünftig besser nicht mehr macht. Aber was am meisten wehtut, das sind die inneren Verletzungen. Die, die das Herz treffen. "Mein Freund hat meine Hand losgelassen und läuft alleine weiter. Er schaut nicht zurück."

Wach auf, mach die Augen wieder auf und schau kurz zurück, wen du hinter dir gelassen hast. Kann es nicht sein, dass jemand erschrocken hinter dir stehen geblieben ist und dir traurig nachsieht? Schau mal zu deinen Seiten: Es läuft sich angenehmer, wenn man nicht allein unterwegs ist. Pass auf, wessen Hand du loslässt, bevor es zu spät ist und die Finger sich nicht mehr berühren und gemeinsame Wege sich plötzlich trennen.